Contents : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

Nach  ihrem  letzten  gewaltigen  Fruhsahrssieg  hoffte  die  Armee  aufatmen
zu  können.  Die  Schwesterwaffe  schien  ihre  kategorischen  Versprechungen  wahr
zu  machen,  schien  die  Offenstve,  die  sie  dem  Landheer  aus  der  Hand  zu  nehmen
sich  unterfangen  hatte,  durchführen  zu  können.  Und  aue  dem  Osten  bllukte  ein
fablee  Doffnungslicht.  Bald  sollte  sich  zeigen,  daß  es  ein  Jrr-  und  Cruglicht
gewesen  war.

Die  80  deutschen  Dioisionen,  welche  an  der  Ostfront  dem  Heere  gegenüber--standen,
  das  selnen  obersten  Kriegeherrn  nach  Siblrlen  geschickt  hatte,  waren
des  Glaubene  gewesen,  ihre  Aufgabe  sel  erfüllt  —  die  Revolution  werde  bald
Frieden  machen  mössen,  um  sich  dem  Wiederaufbau  ihres  Landes  zu  widmen.
Sie  hatten  ohne  die  Entente  gerechnet.  Sle  hatten  nicht  geahnt,  daß  dle  Entente
geholfen  hatte  dle  Revolution  machen,  um  sich  des  Zaren  zu  entiedigen,  der
Friedensneigungen  gezelgt  hatte.  Aber  die  Entente  hatte  noch  mehr  getan:
sie  hatte  den  neuen  Führer  dee  russischen  Volkes,  den  Revolutlonsdiktator
Kerenski,  für  die  Fortführung  des  Krieges  verpfllchtet.  Das  Unglaubllche
geschah:  der  gelähmte  Körper  des  russischen  Heeres  wurde  noch  elnmal  zu
einer  letzten  Kraftanstrengung  galvanisiert.

Elnen  der  deutschen  Heerführer,  den  General  v.  Linsingen,  hatte  die  Ungeduld
  des  Wartenmüssens  übermannt.  Er  hatte  Anfang  April  am  Stochod
norböstlich  Kowel  einen  auf  Verbesserung  der  deutschen  Stellungen  abzielenden
örtilchen  Vorstoß  unternommen  und  vollen  Erfolg  und  eine  Menge  Gefangene
eingebracht.  Das  ging  der  Reichsleitung  gegen  den  Strich.  Sle  schmelchelte
slch  der  Hoffnung,  mit  der  russischen  Republik  über  kurz  oder  lang  zum  Frleden
kommen  zu  können.  Und  diese  Aussicht  wolite  sle  sich  nlcht  durch  deutsche  Angriffe
  stören  lassen.

Dabei  mußte  Bethmann  zugeben:  schon  die  ersten  Wochen  nach  Ausbruch  der
Revolution  hatten  den  Bewels  geliefert,  daß  die  neuen  Lenker  der  russischen
Geschicke  nicht  daran  dachten,  die  grenzenlose  Friedenssehnsucht  des  Voikes,
dessen  Wille  sle  so  boch  gehoben  hatte,  zu  stillen.

Die  Westmächte  verstanden  slch  auf  die  Politik.  Sie,  die  durch  Zahrzehnte
die  Verbündeten  des  autokratischen  Zarenregiments  gewesen  waren,  erklärten
dem  russischen  Volke:  nun  erst,  da  es  die  Zwinghberrschaft  der  Romanowe  abgeschüttelt
  habe,  sel  es  in  Wahrheit  der  würdige  Verbündete  der  freiheltlichen
Demokratien  des  Westens  gegen  die  Tprannenherrschaft  des  deutschen,  des
österreschlsch-ungarischen  und  dee  türkischen  Kalsertums.  Ein  Sieg  der  Mitteimächte,
  so  redeten  sie  den  Revolutiondren  eln,  werde  die  Wiederaufrichtung
der  Zarenherrschaft  in  Rußland  perbeiführen.  Der  russische  Liberallsmus  verstricktesichtn
  dlesem  Truggespinste.  Genau  so  abnungelos  wie  vordem  dle  zartstische
Regierung  ließ  er  sich  zum  Soldknecht  der  Westmächte  anwerben  —  was
nicht  die  Milliardendarlehen  Frankreichs  erreicht  hatten,  das  dewirkte  nun  die
Nattenfängerweise  von  der  „Einheitsfront  der  Weltdemokratie  gegen  die  deutsche
Autokratie“.

Oie  Entente  handelte  —  die  deutsche  Reglerung  wartete  und  versäumte.
Sie  fürchtete,  ein  deutscher  Augriff  werde  von  den  neuen  Machthabern  Rußlande
  ale  ein  erster  Versuch  zur  Einmischung  In  die  russischen  Verhältnisse  mit
dem  Ziel  der  Wiederaufrichtung  des  Zarentums  aufgefaßt  werden  .  Un-72