Nach ihrem letzten gewaltigen Fruhsahrssieg hoffte die Armee aufatmen
zu können. Die Schwesterwaffe schien ihre kategorischen Versprechungen wahr
zu machen, schien die Offenstve, die sie dem Landheer aus der Hand zu nehmen
sich unterfangen hatte, durchführen zu können. Und aue dem Osten bllukte ein
fablee Doffnungslicht. Bald sollte sich zeigen, daß es ein Jrr- und Cruglicht
gewesen war.
Die 80 deutschen Dioisionen, welche an der Ostfront dem Heere gegenüber--standen,
das selnen obersten Kriegeherrn nach Siblrlen geschickt hatte, waren
des Glaubene gewesen, ihre Aufgabe sel erfüllt — die Revolution werde bald
Frieden machen mössen, um sich dem Wiederaufbau ihres Landes zu widmen.
Sie hatten ohne die Entente gerechnet. Sle hatten nicht geahnt, daß dle Entente
geholfen hatte dle Revolution machen, um sich des Zaren zu entiedigen, der
Friedensneigungen gezelgt hatte. Aber die Entente hatte noch mehr getan:
sie hatte den neuen Führer dee russischen Volkes, den Revolutlonsdiktator
Kerenski, für die Fortführung des Krieges verpfllchtet. Das Unglaubllche
geschah: der gelähmte Körper des russischen Heeres wurde noch elnmal zu
einer letzten Kraftanstrengung galvanisiert.
Elnen der deutschen Heerführer, den General v. Linsingen, hatte die Ungeduld
des Wartenmüssens übermannt. Er hatte Anfang April am Stochod
norböstlich Kowel einen auf Verbesserung der deutschen Stellungen abzielenden
örtilchen Vorstoß unternommen und vollen Erfolg und eine Menge Gefangene
eingebracht. Das ging der Reichsleitung gegen den Strich. Sle schmelchelte
slch der Hoffnung, mit der russischen Republik über kurz oder lang zum Frleden
kommen zu können. Und diese Aussicht wolite sle sich nlcht durch deutsche Angriffe
stören lassen.
Dabei mußte Bethmann zugeben: schon die ersten Wochen nach Ausbruch der
Revolution hatten den Bewels geliefert, daß die neuen Lenker der russischen
Geschicke nicht daran dachten, die grenzenlose Friedenssehnsucht des Voikes,
dessen Wille sle so boch gehoben hatte, zu stillen.
Die Westmächte verstanden slch auf die Politik. Sie, die durch Zahrzehnte
die Verbündeten des autokratischen Zarenregiments gewesen waren, erklärten
dem russischen Volke: nun erst, da es die Zwinghberrschaft der Romanowe abgeschüttelt
habe, sel es in Wahrheit der würdige Verbündete der freiheltlichen
Demokratien des Westens gegen die Tprannenherrschaft des deutschen, des
österreschlsch-ungarischen und dee türkischen Kalsertums. Ein Sieg der Mitteimächte,
so redeten sie den Revolutiondren eln, werde die Wiederaufrichtung
der Zarenherrschaft in Rußland perbeiführen. Der russische Liberallsmus verstricktesichtn
dlesem Truggespinste. Genau so abnungelos wie vordem dle zartstische
Regierung ließ er sich zum Soldknecht der Westmächte anwerben — was
nicht die Milliardendarlehen Frankreichs erreicht hatten, das dewirkte nun die
Nattenfängerweise von der „Einheitsfront der Weltdemokratie gegen die deutsche
Autokratie“.
Oie Entente handelte — die deutsche Reglerung wartete und versäumte.
Sie fürchtete, ein deutscher Augriff werde von den neuen Machthabern Rußlande
ale ein erster Versuch zur Einmischung In die russischen Verhältnisse mit
dem Ziel der Wiederaufrichtung des Zarentums aufgefaßt werden . Un-72