Full text : Europäischer Geschichtskalender. Siebzehnter Jahrgang. 1876. (17)

462  KRusland.  (Nov.  2.)

Interessen  in  Betracht  zu  ziehen  seien.  Ich  erwähnte  dann  die  angebliche
Forderung  Serbiens  und  Rumäniens,  in  unabhängige  Königreiche  verwandelt
  zu  werden.  Solch  eine  Maßregel,  bemerlte  ich,  würde  der  ersle  Schritt
zur  Auflösung  des  türkischen  Reiches  in  Europa  sein.  Die  Geschichte  führe
auf,  doß  in  früheren  Zeiten  es  ein  Gnigreich  Böhmen,  ein  Königreich  Serbien
  und  ein  Königreich  Polen  gegeben  habe;  sie  alle  seien  ve  ischwonen,
und  ihre  Auflösung  sei  hauptsächlich  durch  innere  Zwistigkeiten  brbeigeführt
worden.  Wenn  die  Ansprüche  Serbiens  und  Rumäniens  nun  zusel  lassn
werden  sollten,  so  würde  Das  die  Hestelung  so  vieler  kleiner  „Polen“  bedeuten,
  welche  höchst  rsschn  +  arepnblitonischen  Staatsform  Zutreiben
und  dann  weder  dem  Frieden  no  Sicherheit  der  benachbarten  Staaten
dienlich  sein  würden.  Der  znsch  di  es  sei  keine  Rede  davon,  Königreiche
  Serbien  und  Rumänien  zu  errichten,  und  daß  es  eine  Thorheit  (une
sottisc)  sein  würde,  es  zu  thun.  Die  Ausrufung  Fürst  Milan's  zum  König
sei  eine  That  des  Heeres  gewesen,  welche  Se.  Majestät  durchaus  mißbilligt,
in  Folge  Tessen  habe  Se.  Majestät  dem  Fürsten  Milan  gerathen,  das  Hauptauartier
  nicht  zu  besuchen.  Er  habe  indeß  ein  Telegramm  des  Fürsten  empfangen,
  worin  er  sich  entschuldigt,  Sr.  Majestät  Rathe  nicht  gehorchen  zu
können,  da  seine  Pflicht  gegen  sein  Land  ihn  zwinge,  unter  den  gegenwärtigen
  widrigen  Verhältnissen  zur  Armee  zu  gehen.  Eine  Bezugnahme  auf
die  Zahl  der  russischen  Freiwilligen  in  den  serbischen  Reihen  bewog  mich,
zu  bemerken,  daß  sie  sehr  wesentlich  zur  Hervorrufung  der  fieberhaften  Erregung
  in  Rußland  beigetrogen  habe.  Hierauf  erwiderte  Se.  Majestät,  daß
er  den  Officieren  erlaubt  habe,  zu  gehen,  vorausgesetzt,  dab  sie  den  russischen
Dienst  verließen,  und  er  habe  gehofft,  auf  diese  eise  die  Aufregung  gn
beruhigen  ((##c  jeter  de  ean  froie“  war  Sr.  Majestät  Ausdruck).
Majestät  sügte  hinzu,  daß  seh  viele  ruische  Officiere.  Kefallen  seien  und
die  Begeisterung  für  die  Serben  sich  sehr  abgekühlt  habe.  Der  Kaiser  sagte
dann,  er  wolle  nun  die  aihen  ihn  Vemelkenden,  die  er  gemacht,  in  die
folgenden  Puncte  zusammenfassen:  1)  der  Waffenstillstand,  welcher,  wie  er
hoffe,  angenommen  worden  sei;  2)  der  unmittelbare  Zusammentritt  einer
Conferenz,  deren  Hauptzweck  es  sei,  über  die  Einführung  solcher  Reformen
in  den  drei  Provinzen  eine  Einigung  zu  erzielen,  welche  die  Interessen  der
christlichen  Bevölkerungen  schützen  und  ihnen  diejenige  Autonomie  gewähren
würden,  welche  für  jenen  Zweck  erforderlich  sei;  und  3)  daß  die  Pforte  wirksame
  Garantien  für  DTurchführung  dieser  Reformen  gewähre.  Der  Kaiser
nahm  dann  Abschied  von  mir  in  derselben  herglichen  und  liebenswürdigen
Weise,  in  der  er  mich  empfangen.

In  einer  folgenden  Mpesche  aus  Yalta,  4.  November,  theilt  Lord
A.  Loftus  mit,  daß  er  Fürst  Gortschakow  den  Inhalt  der  vorhergehenden
Depesche  vom  2.  mitgetheilt  und  daß  Letzterer  geäußert  habe,  sie  gebe  die
Anschuuneen  des  Kaisers,  welche  derselbe  ihm  miigetheilt  sehr  correct  wieder.

Wunsch  Gortschakow's  habe  er  eine  Abschrift  der  Depesche,  zur  Vorlage
7  den  Kaiser  bestimmt,  jenem  zuegehindi  t.  Lord  A.  Loftus  fährt  dann

„Nur  eine  Aenderung  war  da.  welche  der  Fürst  beantragte  und  welche
ich  auf  seinen  Wunsch  vornahm.  binsschli  des  russischen  Vorschlags  einer
Besetzung  türkischen  Gebiets  hatte  ich  in  dem  ursprünglichen  Text  anfgeführt,
der  Oesterreich  gemachte  Vorschlag  sei  gewesen,  „Bosnien  und  die  Herzegowina
  zu  besetzen“.  Fürst  Gortschokowo  sagte,  der  Vorcchlag  an  Oesterreich
sei  nur  gewesen,  Bosnien  zu  besetzen  und  nicht  die  Herzegowina;  und  Se.
Durchlaucht  erläuterte  mir,  der  Beweggrund  für  Ausschlzebang  der  Herzegowina
  sei  gewesen,  für  den  Fall  einer  Besetzung  durch  österreiche  und  russische

ruppen  eine  neutrale  Zone  zwischen  beiden  Heeren  herzustellen,  um  der

Mönlechtern  un-  Reibungen  zwischen  beiden  vorzubeugen.“