Full text : Regierungsblatt für das Königreich Württemberg vom Jahr 1895. (72)

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Naumann  Friedrich,  Neudeutsche  Wirtschoftepoltik,  Berlin  1907.
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Rathenau  Kurt,  Der  Einfluss  der  Kapitals-  und  Produktionsvermehrung  auf  die  Produktionskosten  in  der

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Riesser  J.,  Die  deutschen  Grossbanken  und  ihre  Konzentration.  3.  Aufl.  Jena  1910
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Die  moderne  Industrie  ist  nicht,  wie  der  Volksglaube  annimmt,  ein  Kind  der  Technik,  sondern
ein  Kind  des  Marktes.  Erst  die  Möglichkeit,  ein  massenhaftes  gleichartiges  Bedürfnis  befriedizen  zu
können,  führte  zu  dem  Bestreben,  den  gewerblichen  Arbeitsprozess  in  einfache  Phasen  aufzulösen
und  für  die  rein  mechanischen  Leistungen  Maschinen  herzustellen.  Die  staunenswerten  technischen
Erfindungen  der  Neuzeit  boten  somit  nur  die  Mittel  zur  Ausnutzung  des  Marktes.  Der  Markt  selbst
ist  aber  eine  Schöpfung  der  Kultur  und  der  Politik.  Der  Kultur  insofern,  als  sie  die  Bedürfnisse
steigert,  ausgleicht  und  verallgemeinert.  Der  Politik  insofern,  als  sie  durch  Erleichterung  des  Verkehrs
  den  Markt  erweitert;  und  durch  Erhaltung  der  Ordnung  sichert.

.  Der  überraschende  Aufschwung  der  deutschen  Industrie  im  neunzehnten  Jahrhundert
erklärt  sich  daraus,  dass  Dsutschland  verhältnismässig  spät  zur  Schaffung  eines  grossen  inneren
Marktes  gelangte,  dann  aber  durch  seine  klare,  weitausschauende  Politik  alle  anderen  europäischen
Staaten  weit  hinter  sich  liess.  Der  Merkantilismus  des  18.  Jahrhunderts  hatte  in  den  vorgeschrittenen
Ländern,  besonders  in  Frankreich  und  Österreich,  die  Zwischenzollinien  niedergerissen  und  den  Weg
für  die  Fabriksindustrie  freigegeben.  In  Deutschland  liess  die  Zersplitterung  in  zahllose  kleine
Wirtschaftsgebiete  ein  grosses  Unternehmen  nicht  aufkommen.  In  Preussen  bildete  noch  zu  Beginn
  des  19.  Jahrhunderts  fast  jedes  Rittergut  einen  durch  Zölle  nach  aussen  abgesperrten  Staat
für  sich.  Da  sich  aber  die  Kulturbedürfnisse  nicht  zurückdrängen  liessen,  so  wurde  Deutschland
mit  französischen  und  —  wenn  man  von  der  Unterbrechung  durch  die  Kontinentalsperre  Napoleons
(1806—1814)  absieht  —  englischen  Waren  überschwemmt.  Die  Bildung  des  deutschen  Zollvereins
(1834)  war  endlich  ein  Surrogat,  aber  zunächst  ein  genügendes  Surrogat  jenes  Werkes,  das  Dezennien
früher  Colbert  und  Maria  Theresia  vollbracht  hatten.

Der  innere  Markt  war  somit  geschaffen,  aber  die  Mittel  zu  seiner  Ausnutzung  mussten  noch
gefunden  werden.  Sie  wurden  auch  gefunden  und  von  da  ab  beginnt  eine  wirtschaftliche  Revolution
in  Europa,  der  Sieg  des  Binnenverkehrs  über  den  Seeverkehr.  Bis  zur  Erfindung  der  Eisenbahnen
kam  der  Landverkehr  für  Güter  wenig  in  Betracht,  denn  die  Fracht  eines  Gutes  auf  der  Landstrasse
war  zweihundertmal  so  teuer  wie  zur  See.  Der  Handel  war  vorzugsweise  internationaler  Zwischenhandel,
  die  grossen  Hafenplätze  dienten  nicht  so  sehr  der  Gütervermittlung  zwischen  dem  eigenen
Lande  und  den  überseeischen  Gebieten  als  vielmehr  dem  Güteraustausch  der  in  günstiger  Lage  am
Meere  befindlichen  Städte  unter  einander.  Jetzt  begann  mit  Hilfe  von  Eisenbahnen  und  |  ‚Binnen-Tandbuch

  der  Politik.  IT.  Auflace.  Band  II.