Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Galizien  und  Polen  bis  Oktober  1914

stärkungen,  und  nur  langsam  war  es  den  Osterreichern
  möglich,  Anfang  September  unter  beständigen
  Gefechten  gegen  eine  große  übermacht  auf  Lublin
  vorzurücken.  Als  der  Augenblick  gekommen  war,
den  umfassenden  Angriff  gegen  diese  Stadt  einzuleiten,
  wurde  General  Dankl  durch  das  abermalige  Erscheinen
  neuer  russischer  Kräfte  gezwungen,  sich  zurückzuziehen,
  zumal  die  Verhälimiße  um  Lemberg  sc
inzwischen  weniger  günstig  gestaltet  hatten.  Die  Armee
wurde  hinter  den  San  zurückgenommen,  wo  sie  am
14.  September  in  Stellung  ging,  um  später  den  Anfang
  Oktober  erfolgenden  Vorstoß  deulscher  Kräfte
gegen  die  Weichsel  von  Süden  her  zu  unterstützen.

Die  Schlacht  bei  Zamost-  Komarowt.

Dem  staffelförnigen  Aufmarsch  der  österr.-ung.
Heeresmacht  gemäß  trat  zur  Rechten  der  Danklschen
Armee  die  4.  Armee  unter  General  v.  Auffenberg
den  Vormarsch  in  dem  Gelände  zwischen  Wieprz
und  Huczwa  an.  Diese  aus  mährischen,  böhmischen,
ungarischen,  oberösterreichischen  und  Tiroler  Regimentern
  zusammengesetzte  Armee  bestand  zunächst
aus  vier  Armeekorps,  dem  II.  unter  General  Schemua,
dem  VI.  unter  General  Borocvic,  dem  IX.  unter
Feldzeugmeister  Friedl  und  dem  XVIII.  unter  General
  Graf  Huyn,  dazu  kamen  die  6.  und  10.  Kavalleriedivision
  und  später  das  XIV.  Korps  nebst  der  2.  und
9.  Kavalleriedivision;  im  ganzen  190  Bataillone  und
300  Geschütze  gegenüber  einer  russischen  Übermacht
von  224  Bataillonen  und  700  Geschützen  der  4.  und
5.  Armee  der  Generale  Everth  und  Plehwe.  Bei  dem
am  22.  August  beginnenden  Vormarsch  bildete  das
II.  Korps  den  linken  Flügel  und  ging  aus  dem  Raum
von  Sieniawa  gegen  Zamost  vor,  während  das  VI.
Korps  zunächst  als  rechler  Flügel  über  Rawaruska
auf  Laszow  und  Tyszowce  angesetzt  wurde.  Teils
dazwischen,  teils  rückwärts  gestaffelt  standen  die  beiden
anderen  Korps,  die  erst  ein  wenig  später  in  den  Aufmarschraum
  gelangten.

Am  26.  August  stieß  das  auf  dem  linken  Flügel
marschierende  II.  Korps  auf  das  unter  General  Zujeff
gegen  Zamostk  vorrückende  russische  25.  Korps  und  warf
es  am  27.  in  schwerem  Kampf  zurück,  nachdem  noch
ein  Teil  des  benachbarten  IX.  Korps  eingegriffen
hatte.  Unterdessen  aber  war  das  russische  19.  Korps
über  Tyszowce  auf  Komarow  vorgerückt  und  hatte
diesen  Ort  erreicht.  Teile  des  nunmehr  über  Tomaszow
herangeführten  österreichischen  VI.  Korps  warfen  sich
mit  großer  Wucht  dem  Feind  entgegen.  konnten  auch
zunächst  die  erste  Linie  überrennen,  mußten  aber  dann
vor  einem  mörderischen,  überraschend  genau  abgegebenen
  Feuer  weichen.  Später  stellte  sich  heraus,
daß  dieser  Kampf  sich  auf  dem  russischen  Artillerieschießplatz
  abgespielt  hatte.  An  dieser  bedrohten  Sielle
wurden  nun  die  noch  freien  Teile  des  VI.  und  die  in
Eilmärschen  herangeführten  drei  Divisionen  des  IX.
Korps  zur  Verstärkung  eingeseztt  auch  bei  den  Russen
trafen  neue  Truppen  ein,  von  Norden  aus  der  Gegend
Cholm  das  5.  und  13.  Korps  und  von  Nordosten  über
Grubieszow  das  17.  Korps,  und  unentschieden  wogte
hier  im  Zentrum  am  27.  und  28.  der  Kampf  hin  und
her.  Auf  dem  rechten  österreichischen  Flügel  wurde
am  Morgen  des  27.  die  10.  Kavalleriedivision,  die
dort  zu  sichern  hatte,  überfallen  und  zersprengt;  sie
konnte  sich  erst  später  bei  Belzec  wieder  sammeln,  und

1  Vgl.  die  Karte  dei  S.  45.

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ein  ähnliches  Geschickereilte  am  28.  westlich  von  Laszow
die  15.  Infanteriedivifion.

Trotz  dieser  Ereignisse  faßte  die  österr.=  ung.  Heeresleitung,
  Hauptauartier  Przemyfl,  den  Entschluß,
durchzuhalten  und  die  schwankende  Lage  zu  ihren
Gunsten  zu  entscheiden.  Gegen  die  stets  neu  verstärkten,
  aus  Komarow  zu  immer  neuen  Durchbruchsversuchen
  vorgehenden  Russen  stand  unerschütterlich
  das  VI.  Korps.  Nun  wurden  zu  dessen  linker
Seite  das  II.  Korps  und  die  10.  Division  vorgeführt.
und  allmählich  gewannen  diese  Truppen  Boden,  so
daß  am  30.  August  von  Westen  her  eine  Umfassung
der  russischen  Stellung  eingeleitet  werden  konnte.  Am
31.  schwenkten  die  Österreicher  bei  dem  Orte  Dub  nach
Süden  in  den  Rücken  der  Russen  ein.  Auf  dem
rechten  österr.-ung.  Flügel  war  unterdessen  in  Eilmärschen
  über  Zolkiew  und  Mostywieki  das  XIV.
Korps  unter  Erzherzog  Joseph  Ferdinand  eingetroffen
und  mit  großer  e  gegen  das  von  Wladimir-Wolinsky
  vorgehende  17.  russische  Korps  in  den  Kampf
getreten.  Hartnäckig  verbissen  sich  die  Gegner  ineinander,
  und  es  kam  stellenweise  zu  erbitterten  Bajonettkämpfen.
  Jedoch  gewannen  die  Österreicher  gegen
Ende  die  Oberhand  und  erbeuteten  in  diesem  bKoschnitt
  viele  Gefangene  nebst  80  Geschützen.

Am  Mittag  des  31.  August  erreichte  die  Schlacht
ihren  Höhepunkt;  die  von  Westen  bereits  ausgeführte,
von  Osten  drohende  Umfassung  schien  die  russischen
Kräfte  der  Vernichtung  preiszugeben,  als  es  sich
herausstellte,  daß  der  bei  Dub  eingeschwenkte  linke
österreichische  Flügel  selbst  im  Rücken  von  einer  Kosakendivision
  lebhaft  beunruhigt  und  von  feindlicher
Artillerie  schwer  geschädigt  wurde.  Der  hier  befehlig#ende
  Erzherzog  Peter  Ferdinand  sah  sich  in  den

kachmittagsstunden  veranlaßt,  den  Rückmarsch  nach
Westen  anzutreten,  so  daß  für  den  an  allen  anderen
Punkten  des  Schlachtfeldes  geschlagenen  Feind  die
Kückzugstraßen  nach  Norden  und  Nordosten  frei  wurden.
  Die  1.  Armee  folgte  und  mußte  in  dem  Raume
von  Lublin  vom  1.  September  ab  in  den  Stellungskrieg
  übergehen.

Der  Armee  Auffenberg  war  es  nicht  vergönnt,
ihren  Sieg  an  dieser  Stelle  auszunutzen,  denn  die
Ereignisse,  die  fast  zu  gleicher  Zeit  bei  der  Heeresgruppe
  des  Erzherzogs  Friedrich  stattfanden,  und
denen  eine  überflutung  der  Lemberger  Gegend  mit
vorläufig  unübersehbaren  russischen  Truppenmassen
folgte,  machten  die  Verstärkung  dringend  nöag.  die
in  diesem  Augenblick  nur  durchein  vollständiges  Kehrt
der  Armee  Aussenberg  gebracht  werden  konnte.  Die
schweren  Kämpfe,  die  sich  in  den  Tagen  vom  26.
bis  30.  August  bei  der  östlichen  Armeegruppe  abspielten,
  tragen  den  Namen:

Die  erste  Schlacht  bei  Lemberg#.

Ein  Ringen  zwischen  sehr  ungleichen  Kräften  war
es,  daß  sich  in  dieser  Zeit  zwischen  den  Truppen  des
Erzherzogs  Friedrich  und  den  an  Zahl  weit  überlegenen,
  aus  Wolhynien  über  Brody  vorgedrungenen
  russischen  Armeemassen  entspann.  Obgleich  auf
österr.-ungar.  Seite  geplant  war,  sich  in  der  Gegend
von  Lemberg  auf  die  Verteidigung  zu  beschränken,  so
wurde  zunächst  doch  auch  hier  angriffsweise  vorgegangen,
  um  den  nicht  zu  verhindernden  Einbruch  der
russischen  Massenheere  nach  Möglichkeit  hinauszuschieben.
  Durch  ein  weitverzweigtes  Spionagesystem

1  Ugl.  die  Karte  bei  S.  45.