Conrad Haussmann, Der Linksliberalismus. 37
aus der Militärorganisation entwickelt hatte. Materiell ging der Hauptstreit um die Einführung der
zweijährigen Dienstzeit, die von der Fortschrittspartei für möglich, von Bismarck und Roon für
unmöglich erklärt wurde und die sich 1893 als durchführbar erwiesen und bewährt hat. Der Konflikt
führte zu einer Ablehnung der Mehrforderung für neue Truppenteile, zueinem Budgetlosen Regiment
und einer verfassungswidrigen Verwaltung, bis 1866 nach Beendigung des Kriegs das Ministerium Bismarck
die Idemnität für die verfassungswidrige Regierung im Landtag nachsuchte. Fürst Bismarck
selbst hat am 5. April 1876 im Abgeordnetenhaus gegenüber dem Abgeordneten Virchow ausgesprochen,
„ich habe Objektivität genug, um mich in den Ideengang des Abgeordnetenhauses von 1862
bis 1866 vollständig einleben zu können, ich habe die volle Achtung vor der Entschlossenheit, mit
der die damalige preussische Volksvertretung das, was sie für Recht hielt, vertreten hat. Daraus
mache ich niemand einen Vorwurf. Sie konnten damals nicht wissen, wo meiner Ansicht nach die
Politik schliesslich hinausgehen sollte; ich hatte auch keine Sicherheit, dass sie faktisch dahin hinausgehen
würde und sie hatten auch das Recht, wenn ich es ihnen hätte sagen können, mir immer noch
zu antworten: uns steht das Verfassungsrecht unseres Landes höher als eine auswärtige Politik.
Da bin ich weit entfernt gewesen, irgend jemanden einen Vorwurf daraus zu machen oder‘ bin es
wenigstens jetzt, wenn auch in der Leidenschaft des Kampfes ich es nicht immer gewesen sein mag.“
Die Leidenschaft jenes Kampfes hat im politischen Leben tiefe Risse erzeugt, nicht nur in
Preussen, sondern auch im übrigen Deutschland, Die schroffe Kampfstellung, in welche die Fortschrittspartei
hineingedrängt war, hat mit ihren Verbitterungen und Verfolgungen Jahrzehnte
hinaus das politische Leben und die Stellung der Parteien belastet.
In Preussen, im Zollparlament und im konstituierenden und dann im neugeschaffenen
Reichstag traten die Mitglieder der Fortschrittspartei für eine konstitutionelle Entwicklung
für solide Finanzen, für alle liberalen Gesetze insbesondere für die grossen Gesetzgebungswerke
ein, welche nach Gründung des Reichs die Einheitlichkeit auf dem Gebiet des Heerwesens, des
Zivilstandes, des Münzwesens, des Gerichtswesens, des Gewerberechts und der Presse durchführten.
Die Auffassung der Partei, dass die Staatsverwaltung in freierem Gleise geführt und der
Individualität politisch, geistig und wirtschaftlich Raum zu fruchtbarer Selbstbetätigung und
den Gemeinden Bewegungsfreiheit und Selbstverwaltung gelassen werden müsse, führten unter
der Kanzlerschaft des Fürsten Bismarck häufig zu Zusammenstössen mit diesem. Führer der Fortschrittspartei
im Reichstag waren Richter, Hänel und Virchow. Eugen Richter, geboren
am 30. Juli 1838 und 1864 aus dem Staatsdienst ausgetreten war 1869 in den preussischen Landtag
gewählt, 1871 wurde er Mitglied des konstituierenden Reichstags und blieb als eines seiner
allerhervorragendsten Mitglieder im Reichstag bis zu seinem Tod 1906. Richter hat das Gepräge
der Fortschrittspartei in deren heissensten Kampfesjahren am reinsten und vollständigsten in sich
aufgenommen, und konnte kraft der ausserordentlichen Begabung, die er für den politischen und
parlamentarischen Kampf mitbrachte, sein Gepräge wieder in besonders charakteristischem Masse
der Partei geben, deren unbestrittener Führer er mehr als 30 Jahre gewesen ist. Die Energie,
mit der er seine Überzeugung und die taktischen Richtlinien festhielt, die er zur Verwirklichung
des Fortschritts für geboten hielt, gab der von ihm geführten Partei eine grosse Geschlossenheit,
weckte aber in Verbindung mit seinem Naturell, das an Energie demjenigen Bismarcks nichts
nachgab, besonders heftige Gegnerschaften, die sich in der Folge konzentrisch so verdichteten,
dass sowohl von rechts als von links die ausserordentlichen Verdienste, die Richter als wahrhaft
staatsmännischer Parlamentarier besass, weitgehend verkannt wurden.
Ende der 70er Jahre hatte Bismarck den Übergang zur Schutzzollpolitik vollzogen, worin
die Fortschrittspartei für das auf den Export angewiesene deutsche Wirtschaftsgebiet ernste
Gefahren erblickte. Diese Auffassung deckte sich mitden volkswirtschaftlichen Anschauungen
eines Teils der der Nationalliberalen Partei, eine Reihe ausgezeichneter Politiker; Bamberger, von
Forckenbeck, Stauffenberg, Lasker, Rieckert u. A. im Jahre 1880 „eine Sezession“
vollzogen und eine „liberale Vereinigung‘ gebildet hatten. Da diese Sezessionisten auch
politisch ausgesprochen liberal und von der Politik Bismarcks im Innern insbesondere von dem
sozialdemokratischen Ausnahmegesetz enttäuscht waren, so führte diese Annäherung und weitgehende
Übereinstimmung am 5. März 1684 kurz nach Laskers Tod zu einer organischen Ver-