VII. 2. Die Gewerbeordnung und$ihre gesundheitlichen Bestimmüngen im allgemeinen. 253
Landwirtschaft zurücktritt, gibt meist die Industrie der Bevölkerung den hauptsäch-
lichen Erwerb. Die stärksten Industriebezirke waren Königreich Sachsen, Berlin,
Westfalen, Rheinland und thüringische Gebiete. Handel und Verkehr ragten. am
meisten in den Hansestädten und in Berlin hervor. Im Verhältnis von Stadt und
Land ist natürlich die Landwirtschaft auf dem platten Lande und in den kleineren
Städten am, stärksten vertreten, Industrie und Handel in der städtischen Bevölke-
rung. Der Handel blüht am meisten in den Grossstädten.
„Nach der sozialen Stellung ist die Bevölkerung unterschieden in a) Selb-
ständige, b) Angestellte, c) Arbeiter. Fasst man die Bevölkerung in allen Berufs-
abteilungen in entsprechender Weise zusammen und rechnet man insbesondere die
Dienstboten zu der untersten sozialen Klasse, so ergibt sich für 1895, dass etwas
über ?/, der berufstätigen Bevölkerung, nämlich 26,84 %, selbständig waren; nahe-
zu 3/, nämlich 73,16%, waren unselbständig, hiervon 3,7 % als Angestellte und
69,46 % als Arbeiter. Als Arbeiter sind auch die Personen gezählt, die sich noch
in der Berufsausbildung befinden und eine höhere Stellung noch nicht inne haben,
auch befinden sich zahlreiche mitarbeitende Familienangehörige der selbständigen
Unternehmer hierunter. 1882 wurden noch 29,25 % Selbständige festgestellt, so dass
ihre Zahl sich im Verhältnis zur Bevölkerung nicht unbeträchtlich gemindert hat.
Auf die mittlere Schicht entfielen 1832 nur 2,34 %, also erheblich weniger, und auf
die unterste Schicht 68,41 %, also gleichfalls etwas weniger als 1895. Vergleicht
man die 3 grossen Berufsabteilungen Landwirtschaft, Industrie und Handel in Be-
zug auf die soziale Schichtung, so waren 1895 in der Landwirtschaft 30,98 %
Selbständige, 1,16% Angestellte und 67,86% Arbeiter, in der Industrie 24,90 %
Selbständige, 3,18% Angestellte und 71,92 % Arbeiter und im Handel 36,07 % Selb-
ständige, 11,20 % Angestellte und 52,73 % „Arbeiter. Der Handel hatte also verhält-
nismässig die meisten Selbständigen und Angestellten, die Industrie die meisten
Arbeiter. '
Der Frauenerwerb tritt gegenüber dem der Männer bedeutend zurück.
Das weibliche Geschlecht findet seine natürliche Beschäftigung noch immer vor-
wiegend in Haus und Familie. Immerhin waren 1895 einschliesslich der Dienst-
boten 6578350 weibliche Personen in einem Hauptberuf erwerbstätig. Hiervon ent-
fielen auf die Landwirtschaft 41,85 %, auf die Industrie 23,12 %, auf den Handel
8,81 %0 und auf häusliche Dienstboten 19,97 %, die übrigen verteilten sich anderweit.
Die Frauenarbeit war also am meisten in der Landwirtschaft anzutreffen, doch war
sie auch in der Industrie bereits so bedeutend, dass sie die häuslichen Dienste
überragte. Die Frauen sind im geringeren Masse selbständig als die Männer. 1895
waren es nur 17,81 %, Angestellte waren 0,82%, bei Familienangehörigen waren
17,62 % (meist: Ehefrauen und Töchter) tätig, häusliche Dienstboten waren 19,97 %
und 43,78 % waren Arbeiterinnen. Seit 1882 haben die erwerbstätigen Frauen zwar
um 1036833 oder 18,71% zugenommen, doch übertraf diese Zunahme nur wenig
die Vermehrung der Bevölkerung. An der starken Steigerung der Erwerbsgelegen-
heit in der Industrie hatten auch die Frauen grossen Anteil.
>, Die Gewerbeordnung und ihre gesundheitlichen Bestimmungen
im allgemeinen.
Die zur Zeit in Deutschland gültige Gewerbeordnung (GO) ist aus der am
21. Juni 1869 für den Norddeutschen Bund erlassenen Gewerbeordnung hervorge-
gangen. Sie wurde alsbald nach der Gründung des Reichs auch in den süd-
deutschen Staaten eingeführt und trat am ı. Januar 1889 auch ın Elsass-Lothringen in
Kraft. In den deutschen Schutzgebieten gilt sie nicht. Infolge zahlreicher Abän-
derungen, die das Gesetz im Laufe der Zeit erfahren hat, ergab sich mehrmals