Auch von diesem entscheidenden Schritt hatten die Regierung des Deut-
schen Reiches und ebenfalls der Deutsche Kaiser keine vorherige Mitteilung
erhalten. Der Minister Aehrenthal hatte lediglich seine Absicht, ohne einen
Zeitpunkt zu nennen, dem Berliner Staatssekretär und dem italienischen
Außenminister, auch dem russischen, freilich schon ein Jahr vorher, mit-
geteilt. Dieser soll 1908 noch einmal brieflich eintretendenfalls eine inter-
nationale Konferenz gefordert haben.
Die Verkündung der Annexion der Okkupationsgebiete hatte einen Sturm
zur Folge, der von London ausging.
In London, Petersburg und Paris mußte man zwar anerkennen, daß der
Besitzstand des Habsburger Reichs durch die Annexion keine Änderung er-
fahren hatte. London und Petersburg aber stellten sich auf den Standpunkt:
Österreich-Ungarn habe einseitig und eigenmächtig den Berliner Vertrag ab-
geändert und verletzt. Änderungen dürften aber nur durch alle Unter-
zeichner vollzogen werden. Deswegen schlugen die beiden Großmächte eine
europäische Konferenz vor, denn — so argumentierte man moralisch: wohin
solle es mit der politischen Sittlichkeit in der Welt kommen, wenn solche
Vertragsverletzungen wiederholt würden!
Die Türkei ihrerseits erhob Protest, weil die Okkupationsgebiete auf dem
Vertragspapier noch immer zu ihrem Staatsgebiet gehörten, und organisierte
sofort einen Boykott österreichischer Waren. Am Tage der Verkündung der
Annexion erklärte zugleich der Fürst von Bulgarien sein Fürstentum für
unabhängig von der Türkei und ließ sich zum Zaren der Bulgaren ausrufen.
Am schwersten sah sich das Serbentum, das südslawische Volkstum über-
haupt getroffen. Einen großen Teil seiner Zukunftshoffnungen hatte es eben
darauf gebaut, daß die sogenannten Okkupationsgebiete formal noch der
Türkei unterstanden und nicht einen Teil des Habsburger Reiches bildeten.
Dazu kam, daß in seiner Proklamation der Kaiser von Österreich den von
Serben bevölkerten Sandschak Novibazar der Türkei zurückgab. Eine tiefe
nationale Verzweiflung und Empörung ging durch das Serbentum, seine
Hoffnung lag allein noch beim russischen Zaren; natürlich forderte die ser-
bische Regierung auch die internationale Konferenz.
Der deutsche Reichskanzler, wohl gewitzt durch seine trübe Erfahrung
von Algeciras, war gegen die Berufung einer Konferenz. Zunächst ließ er
nach Wien wissen, daß in der Annexionsfrage das Reich unbedingt hinter
dem Bundesgenossen stehe. Dieselbe Haltung vertrat er im Reichstage und
den anderen Mächten gegenüber. Bei dieser Gelegenheit sprach er im Reichs-
tag sein bekanntes Wort von der deutschen ‚Nibelungentreue‘“ und erregte
damit bei Wilhelm II. und im deutschen Bürgertum eine gerührte schützen-
sil