Full text : Archiv für öffentliches Recht. Band 30 (30)

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Galizien  und  die  polnische  Frage
von  Professor  Dr.  Gerhard  Seeliger  in  Leipzig

Land  und  Wirtschaft.  Das  Kronland  Galizien,
78500  akm  groß,  breitet  sich  nördlich  von  dem  großen,
  zuerst  östlich,  dann  südöstlich  streichenden  Gebirgszuge
  der  Karpathen  aus.  Es  bildet  keine  georaphische

  Einheit,  seine  Landschaften  gehören  zu
den  Flußgebieten  der  Weichsel,  des  Dnjestr  und  der
Donau,  sie  streben  einerseits  nordwärts  nach  der
Ostsee,  anderseits  südwärts  nach  dem  Schwarzen  Meer
(vgl.  die  Karten  bei  S.  200  und  210,  Bd.  1).  Im
Westen  senken  sich  die  Sandsteinberge  allmählich  herab
ur  fruchtbaren  Ebene  südlich  von  der  Weichsel,  im

sten  aber  beginnt  nördlich  vom  Dnjestr  das  weite
podolische  Hochland,  die  Hochplatte,  die  einst  beim
Zusammenziehen  der  Erdrinde  zerrissen  wurde  und
bald  den  Anblick  anmutiger  Hügellandschaft,  bald  den
der  gewaltigen  Erosionstäler  gewährt.  Zwischen  dem
fruchtbaren  Westen  und  dem  üppigen  Acker-  und
Steppenland  des  Ostens  liegt  die  nordgalizische  Tiefebene,
  durch  den  von  vdemberg  nordwestlich  streichenden
Hbhenzug  (Roztocze)  in  zwei  Teile  gesondert,  den  kleineren
  östlichen  der  Bugniederung  und  den  größeren
westlichen  im  Dreieck  des  Weichsel-Sangebiets.  Südlich
  vom  Dusjestr  aber,  dessen  linkes  Ufer  den  südlichen
Steilrand  der  podolischen  Hochebene  bildet,  breitet  sich
das  reizvolle  Karpathenvorland  aus,  das  nach  Osten
hin  in  das  fruchtbare  Pokutien  am  schönen  Pruthtal
übergeht.

Galizien  hat  infolge  der  Mannigfaltigkeit  des  Bodens
  die  verschiedensten  wirtschaftlichen  Aufgaben
  zu  lösen.  Seine  Gebirge  bergen  keine  metalischen
  Schätze,  aber  das  gute  und  besonders  im  Osten
üppige  Ackerland,  die  prächtigen  Weiden  und  die  ausgedehnten
  Nadelwälder  weisen  auf  eine  reiche  landund
  forstwirtschaftliche  Tätigkeit  hin.  —  Von  den
7849991  ha  des  Landesgebiets  dienen  48.5  Proz.  als
Acker,  11.18  Proz.  als  Wiesen,  1,39  Proz.  als  Gärten,
9,  ss  Proz.  als  Weiden,  25,68  Proz.  als  Wald,  während
  ein  kleiner  Rest  als  unproduktive  Fläche  zu  gelten

at.  76.82  Proz,  der  Bevölkerung  steht  im  Dienst  der
Landwirtschaft,  Galizien  ist  ein  Agrikulturland  im
wahrsten  Sinn.  Aber  merkwürdig,  es  vermag  Pferde
und  Hornvieh  in  großer  Menge,  es  vermag  vor  allem
Borstenvieh,  auch  Eier,  Geflügel  und  Federn  auszuführen,
  doch  erzeugte  es  bisher  nicht  so  viel  Brotgetreide,
um  den  eigenen  Bedarf  nach  den  in  Westeuropa  üblichen
Sätzen  zu  befriedigen.  Auch  Kartoffeln  und  Kraut,
in  erstaunlicher  Menge  vorhanden.  bieten  nicht  so  viel
Ersatz,  um  auf  eine  fremde  Einfuhr  von  Brotgetreide
in  das  agrarische  Land  verzichten  zu  können.  Hier
liegen  schwere  Mängel  der  Organisation  vor.  Dadurch,
  daß  die  Hälfte  des  Ackerbodens  auf  Zwergwirtschaften
  mit  kaum  1  ha#  verteilt  ist,  daß  die  Mittelbetriebe
  fehlen  und  daß  den  Kleinbetrieben  nur  ein
vielfach  stark  verschuldeter  Großgrundbesitz  mit  extensiven
  Wirtschaftstendenzen  gegenübersteht,  war
jeder  kräftige  Fortschritt  gehemmt.  Und  wie  auf  dem
Gebiet  des  Agrarischen,  so  ist  auch  auf  dem  aller
anderen  wirtschaftlichen  Betätigung  eine  großzügige
  Reform  unerläßlich.
ie  Salzbergwerke  Bochnia  und  Wieliczka  im
Westen,  die  größten  Osterreichs.  und  die  Salinen  Ostgaliziens
  haben  1913  für  20  Mill.  Kronen  Salz  erzeugt
  (7/8  von  Gesamtösterreich),  aber  sie  werden
nicht  voll  ausgenutzt,  besonders  nicht  die  Steinsalzbergwerke
  des  Ostens.  Die  schon  1810  entdeckten

I.  Politik  und  Geschichte

Kalisalze  bei  Kalusz,  deren  Abbau  1887  begonnen
wurde.  würden  bei  intensivem  Betrieb  hohe  volkswirtschaftliche
  Werte  schaffen.  Und  erst  die  Rohöle
(Naphtha)!  Der  Nordabhang  der  Karpathen  von
Gorlice  bis  zur  Bukowina,  besonders  die  Gegend
von  Drohobycz  und  Boryslaw,  birgt  diese  reichen
Naturschätze.  nn  auch  bisher  nur  knapp  4  Proz.
der  Weltproduktion  geliefert  werden  konnte  (1912:
18700  Zistern  zu  je  10000  kg),  so  ist  doch  Galizien
an  die  dritte  Stelle  der  Olerzeuger,  nach  Amerika
und  Rußland,  vor  Rumänien  und  Holländisch--Indien,
  gerückt  und  vermag  nicht  nur  Österreich-Ungarn,
sondern  teilweise  auch  Deutschland  zu  versorgen.  —
Eine  weitere  wertvolle  Gabe  des  galizischen  Bodens,
die  Kohlenschätze  Westgaliziens,  wird  erst  in  neuester

eit  erkannt;  seine  Kohlenadern,  die  von  Mährenchlesien

  herüberragen,  wurden  auf  einen  abbaufähigen
  Steinkohlenvorrat  von  24,9  Milliarden  Tonnen
in  größerer  Tiefe  berechnet,  ein  Vielfaches  im  Vergleich
  zu  den  in  Mähren-Schlesien  vorhandenen
2,1  Milliarden;  wurde  doch  in  Aussicht  gestellt,  daß
bei  einer  Verzehnfachung  der  gegenwärtigen  Produktion,
  d.  h.  bei  einer  Jahreserzeugung  von  20  Millionen
  Tonnen,  die  Schätze  für  1200  Jahre  ausreichen
  würden.

Noch  ist  auf  keinem  Wirtschaftsgebiet  in  Galizien
der  Höhepunkt  der  Leistungsfähigkeit  erreicht.  Galizien
  kann  die  reiche  Kornkammer  werden,  die  es
jetzt  nicht  ist,  es  kann  Viehzucht  und  Holzproduktion
mächtig  steigern;  es  kann  und  muß  jene  Industrien  zur
Entfaltung  bringen,  zu  denen  die  Gaben  der  Natur
einladen:  Don,  En#-  Erdöl.  Und  wenn  die  Kohlenschätze
  kräftig  gehoben,  wenn  die  Wasserkräste  des
Gebirges  ausgenutzt  werden,  dann  wird  ein  wirtschaftlicher
  Aufschwung  einsetzen  zum  Heil  des  Landes,
  zum  Heil  auch  der  großen  wirtschaftlichen  und
politischen  Gemeinschaft,  in  der  Galizien  steht.

Bevölkerung.  Von  (1910)  8025  675  Einwohnern
bekannten  sich  4672500  zur  polnischen,  3208092
zur  ruthenischen  und  90  114  zur  deutschen  Umgangssprache
  —  der  unbedeutende  Rest  verteilt  sich  auf
verschiedene  Nationalitäten.  Von  Jahrzehnt  zu  Jahrzehnt
  hat  sich  das  Verhältnis  zugunsten  der  Polen,
zuungunsten  der  Deutschen  verschoben.  Noch  1880
wurden  323612  Deutsche  gezählt,  1890  nur  227  158,
1900  nur  212317.  Tatsächlich  sind  bei  den  Zählungen
  polnische  Willkürlichkeiten  vorgekommen.  Die
Haupterklärung  aber  für  diese  Verschiebung  liegt
darin,  daß  die  Duden  sich  unter  dem  Eimfluß  des  zur
Macht  gelangten  Polentums  äußerlich  für  dieses  erklärten.
  Für  die  Beurteilung  der  völkischen  Verhältnisse
  ist  zu  beachten,  daß  unter  den  41/  Millionen
Polen  sich  850  000  Juden  befinden,  die  untereinander
  meist  nicht  Polnisch,  sondern  „Jidische  sprechen.

Die  Polen  (vgl.  Bd.  I.  S.  77  ff.)  bewohnen  hauptsächlich
  den  Westen  bis  zum  San,  die  Ruthenen  die

rößere  Osthälfte.  Aber  während  sich  die  ruthenischen
Siedlungen  nur  im  Süden  den  Karpathen  entlang
westwärts  über  den  San  hinaus  bis  zum  Dunajec  vorschieben,
  haben  die  Polen  an  den  verschiedensten  Stellen
des  Ostgebiets  festen  Fuß  gefaßt  als  Beamte,  als  Industrielle,
  Kaufleute,  Handwerker;  sie  baben  manche
Städte  und  deren  Umgebung,  so  Lemberg,  fast  völlig
dokonistert  und  sie  haben  sich  schließlich  in  dem  urprünglich
  reinen  Ruthenengebiet  neben  den  3132541
Ruthenen  zu  der  stattlichen  Minderzahl  von  2111  680
emvorgeschwungen.  während  die  im  eigentlich  polnischen
  Land  vorhandenen  Ruthenen  nur  75551  be-