Zwei Friedensjahre. 229
Preußen, Deutschlands Vormauer gegen West und Ost und Wächter an
der Ostsee, wollte nicht auf Schildwache stehen an der Nordsee vielleicht nur
zu seinem Schaden und ohne bleibenden Nutzen für ganz Deutschland. Die
Heldengräber bei Düppel — das gelobte man sich — sollten nicht wieder
in fremde Hände fallen. Man bedurfte aber auch der Meeresküsten von
Schleswig-Holstein und des Kieler Hafens zur Schaffung der längst ersehnten
deutschen Flotte.
In Schleswig- Holstein standen Preußen und Osterreicher zum letztenmal
zusammen im Interesse einer deutschen Sache, und gerade wegen jener
Herzogtümer entbrannte nun von neuem und heftiger als je der alte Streit
und Hader. Aber Schleswig-Holstein war nur die nächste offenkundige Veranlassung,
die zum Kriege führte, der eigentliche Grund zu dem auf friedlichem
Wege kaum noch lösbaren Zerwürfnisse lag tiefer. Mit der schleswigholsteinischen
Frage, in der sich die langjährigen Gegensätze zwischen Preußen
und Osterreich am schärfsten zuspitzten, mußte zugleich jene andre Frage zur
Lösung kommen, die schon vor dem Kriege alle deutschen Gemüter beschäftigt
hatte, nämlich die Frage nach Herstellung einer einheitlichen Verfassung
Deutschlands, durch welche unserm Vaterlande eine achtunggebietende Stellung
nach außen und eine gesunde Entwickelung seiner Volkskräfte im Innern verbürgt
würde — an Stelle des alten Deutschen Bundes, der nur Deutschlands
Ohnmacht bedeutet und seine Volkskraft niedergehalten hatte. Es drängte, mit
einem Worte, die große Frage wegen der Vorherrschaft Preußens oder Osterreichs
in Deutschland zur Entscheidung.
Je gereizter der Ton wurde, in welchem die beiden Großmächte hierüber
verhandelten, und je entgegengesetzter ihre Auffassungen sich zeigten, desto
tiefer sanken die Hoffnungen derjenigen, welche an die Unvermeidlichkeit einer
kriegerischen Entscheidung noch immer nicht glauben mochten. Man mußte
sich schließlich doch mit dem Gedanken vertraut machen, daß diese Fragen auf
keine andre Weise mehr gelöst werden könnten als mit dem Schwerte, und
wenn auch noch nicht abzusehen war, welche Ausdehnung ein Krieg zwischen
beiden Mächten annehmen und welche Bundesgenossen jede derselben unter den
kleineren deutschen Staaten finden würde, so musterte man doch im stillen
schon die beiden Heerlager, noch ehe das entscheidende Wort „Krieg“" gesprochen
war. Werfen wir deshalb, ehe wir zur Schilderung der weiteren
Verwickelungen übergehen, auch hier erst einen Blick auf die Kriegsverfassung
des ehemaligen Deutschen Bundes.
Die KAriegsverfassung des Deutschen Lundes. Die bewaffnete Macht, welche
der Deutsche Bund ins Feld stellen konnte, war nicht zu Angriffszwecken,
sondern nur zur Verteidigung bestimmt, aber immerhin so ansehnlich, daß sie
vermocht hätte, sich jedem Widersacher gegenüber Achtung zu erzwingen.
Osterreich und Preußen waren, weil auch außerdeutsche Länder zu ihrem Staatsverbande
gehörten, nur mit einem Teile ihrer Kriegsmacht zur Heeresfolge
verpflichtet; wenn sie aber mit dem Bundesheere für einen Nationalkrieg ihre
gesamten Heere vereinigten, dann konnten diese riesigen Streitkräfte sich wohl
mit den größten und kriegsgeübtesten Armeen von ganz Europa messen. Die