Inhaltsverzeichnis : Lehr- und Lesebuch oder die Vaterlands- und Weltkunde.

-  2335  —

Unterricht  der  jugend  angelegen  fetn  ließen.  Diele  jagten  fi  in  ihrem
Herzen  von  ber  Kirche  108;  Doch  hielt  man  fi  noch  äußerlich  zu  ihr,
um  fih  den  Zorn  ber  mächtigen  Priefterfchaft  nicht  zuzugiehen;  tele
verfanfen  auch  ganz  in  Unglauben  und  jpotteten  des  Heiligen.  Da
fonnte  Die  Priefterihaft  Alles  dulden,  jelbft  die  Ihmäahlichite  Sitten-Iofigfeit,
  wenn  man  nur  nit  ihre  Saßungen  angriff,  bie  ihr
die  Schäbe  zubrachten,  nad)  denen  fie  geizte.  Wie  einft  Die  Hohen:
priefter,  Schriftgelehrten  und  Pharijüer  dem  heiligen  Geifte  wiberftrebten
und  im  Eifer  um  ihr  Anjehen  den  Herrn  und  jeine  Jünger  haften  und
verfolgten,  und  das  Volk  war,  wie  eine  Heerde  ohne  Hirten,  jo  aud
bamald;  ja,  e8  wurde  täglich  ärger.  Der  fehrelendfte  und  betllofeite
Mipbrauch,  den  die  Prieiterjhaft  trieb,  zugleich  Die  Wurzel  vieler  aıdern
  Mißbräuche,  war  der  Ablapbandbel.  ES  war  jhon  in  uralter
Bett  Sitte,  daß,  wenn  Semand  fich  gegen  firchliche  Ordnungen  und
Gejehe  vergangen  hatte,  und  Durch  Büßungen  —  3.  Bd.  Wallfahrten,
bejonders  nah  Nom,  Serufalem  2,  Herfagen  von  Pjalmen  und  Gebeten,
  Beifteuern  zur  Erbauung  von  Kirchen,  Klöftern  und  Heiligen:
bäuschen  —  die  Schuld  abtrug,  ihm  Ablaf,  d.  5.  Vergebung  erthellt
wurde.  Nllmäahlich,  Jobald  man  die  Firchlichen  Sakungen  ben  göttlichen
Seboten  gleich  ftellte,  wurde  jener  Firhliche  Ablaß  al8  die  göttliche
Vergebung  der  Sünden  angefehen.  So  riß  nach  und  nad)  Der
Wahn  ein,  der  von  der  Priefterfchaft  forgfältig  gepflegt  wurbe,  Daß
man  fich  Durch  dergleichen  äußere  Werfe  die  Gnade  des  Richters  er:
werben  fönne,  der  nur  da8  Herz  anfieht.  Die  Geiftlihen  verlangten
zwar  auch  Neue  und  Befehrimg;  aber  le  bewtejen  duch  ihr  Verhalten
und  durch  ihr  Leben,  wie  wentg  fie  darauf  gaben.  Auch  waren  gerade
die  Hochmüthigften  und  die  gottlofeften  Päpfte  Die  eifrigiten  Verkündtger
de8  AUblaifes,  weil  er  ihnen  jo  viel  Geld  eintrug.

Der  Papit  Yeo  X.  wollte  fih  in  dem  Practbaue  der  Peters:
firche  zu  Rom  Jeined  Namens  Denkmal  ftiften  und  fchrieb  dafür  einen:
allgemeinen  Ablaß  aus.  Der  Erzbifhof  von  Mainz  über:
nahm  für  die  Hälfte  des  Ertrages  das  Gefchäft  in  Deutichland.  Er
fandte  nah  Sachjen  den  Dominicanermönd  Sohann  Tebel  au?
Leipzig.  In  allen  Drtichaften  wurde  diejer  al8  des  Papftes  Gefandter
feterlichit  empfangen.  Vor  dem  Altar  In  der  Kirche  ftellte  er  feinen
geoßen  Geldfaften  auf  mit  der  Snfchrift:

„Sobald  das  Geld  im  Kaften  Eliingt,
Die  Seele  au  dem  Fegfeuer  fpringt.”

Gr  pflegte  zu  jagen:  „Der  Ablaf  tft  Die  höchfte  Gabe  Gotte£,  das
cothe  Kreuz  des  Papites  vermag  fo  viel,  ald  das  Kreuz  Chrifti;  ich,
Tegel,  habe  mit  dem  Ablab  weit  mehr  Seelen  errettet,  ald  Petrus
mit  jeiner  Predigt,  und  mag  mit  ihm  im  Himmel  nicht  theilen."  Für
jede,  jogar  für  Die  noch  zu  begehende  Sünde  war  eine  Gelbtage  feitgeftellt,
  um  die  fte  erlaffen  würde.  Die  Beichtftühle  wurden  Ieer,  und
wer  noch  fam,  hatte  fchon  feinen  Ahlaßzettel,  und  wollte  von  Reue  und
QDuge  und  Glauben  nicht3  willen,  um  vor  Gott  beitehen  zu  fünnen.