Volltext : Leitfaden der Preußischen Geschichte.

—  80  —

sollte  nicht  ausgekauft  werden;  durch  strenge  Beaufsichtigung  der
Amtsleute  und  Gutsherren  milderte  Friedrich  dessen  gedrückte  Lage.
Dem  Bürger  nützte  er  durch  Einführung  vieler  neuen  Erwerbszweige,
  besonders  in  Schlesien,  dessen  Industrie  durch  seine  bis
ins  Einzelnste  gehende  Fürsorge  außerordentlich  gefördert  wurde.
Ebenso  rasch  brachte  er  den  Oderhandel  und  Stettins  Verkehr  in
die  Höhe,  zum  Teil  durch  seine  höchst  nützlichen  Kanalbanten.
Das  größte  Verdienst  jedoch  erwarb  er  sich  —  mit  Hilfe  des
Ministers  Cocceji  —  um  die  Justiz;  er  trennte  sie  von  der
Verwaltung,  vertraute  sie  wissenschaftlich  Befähigten  an,  gab
eine  zeitgemäße,  neue  Gerichtsordnung  (codex  Fridericianus
1747),  führte  das  Institut  der  Auskultatoren  und  Referendarien
ein,  erneuerte  und  hob  den  ganzen  preußischen  Juristenstand.
In  den  Gang  der  Gerichte  griff  er  nur  ein,  um  die  alten  grausamen
  Strafen  zu  mildern,  und  stets  zu  gunsten  der  Armen  und
Gedrückten.  Über  Personen  und  Eigentum  hatten  seit  dieser
Reform  nur  noch  die  Gesetze  Gewalt;  so  machte  Friedrich  der
Große  den  Militärstaat  Preußen  auch  zu  einem  Rechtsstaat.

Indem  er  dem  Volke  auf  dem  Gebiet  der  Sitte,  des  Denkens,
  Redens  und  Glaubens  Freiheit  gab,  kam  das  unter  Friedrich
  Wilhelm  I.  erstarrte  geistige  Leben  in  Fluß.  Auch  der  Bürgerstand
  fing  an,  in  Wissenschaft  und  Kunst  aufzustreben;  damals
wurde  für  ihn  die  erste  Realschule  gegründet  (1747  von
I.  Hecker  in  Berlin).  Friedrich  selbst,  französisch  gebildet  und
von  den  geschmacklosen  Erzeugnissen  der  damaligen  deutschen  Literatur
  abgestoßen,  zog  immer  die  feine  französische  Bildung  vor.
Das  Gute,  was  Deutsche  auf  anderen  Gebieten  als  dem  Schrifttum
  leisteten,  wußte  er  zu  schätzen;  die  deutsche  Musik  (S.  Bach,
Graun,  Händel,  Quantz,  Benday)  liebte  er  vor  allem.

Der  Siebenjährige  Krieg  (1756—1763).

Ursachen  des  Krieges.  Friedrichs  Einfall  in  Sachsen.

§  56.  Maria  Theresia  konnte  den  Schmerz  um  den  Verlust
  Schlesiens  nicht  verwinden,  und  auch  die  anderen  Mächte
sahen  Preußens  Größe  ungern.  Zwei  deutsche  Großmächte  an
ihren  Grenzen  zu  haben  war  den  Russen  sowie  den  Franzosen
unbequem;  die  Schweden  fürchteten  für  Vorpommern,  die  deutschen
  Fürsten  für  ihre  Kleinstaaten.  Alle  beleidigte  Friedrichs
persönliche  Uberlegenheit  und  der  Spott,  den  er  über  die  Schwä-