fullscreen: Das Goldene Buch des Deutschen Volkes an der Jahrhundertwende.

Industrie zu schaffen. Rein AUunder deshalb, dass sie noch bis in unsere Cage die Mehrzahl aller Arbeilskräfte für ihren 
Dienst in Anspruch genommen bat. Jetzt ersi, da sie in rublgerem, wenn auch nicht minder raschem Gange vorwärts: 
schreitet, gewährt sie auch anderen Richtungen wieder breiteren Raum zu eigenartiger Entwickelung. Zumächst ist es die 
anorganische Ehemie -— im Finfange des Jahrhunderts das fast ausschliessich bebaute Feld —, deren Bedeutung wir wieder 
zunehmen, deren Erfolge wir sich sieigern sehen. Von Einfluss aui dieses Wiederaufleben sind sowohl die Ergebnisse der 
organisch-chemischen Forschung, als auch zufällige Entdeckungen von grosser Cragweile gewesen. Die grösste Förderung 
erfährt sie aber heute von der physikalischen und innerhalb dieser von der Elekirochemie. Diese Disziplinen — aus einer 
Verschmelzung von Physik und KEhemie hervorgegangen — sind es, die um die Beige des Jahrhunderts die grössten Fort- 
schrille gemacht haben und für diese Zeit eine charakteristische Erscheinung bleiben werden. Allerorts werden an den 
Hochschulen Lehrstühle und Institute neubegründet, welche diese Richlung selbständig vertreten. 
Zeigt sich in diesem Ttebeneinandertreten organischer, anorganischer und physikalischer Chemie, die selbst wieder zur 
Ceilung neigen und zu denen noch Zweige der angewandten &hemie kommen, das Bild zunehmender Spezialisierung, so 
ist doc; — dank dem starken und in der Regel rasch ausgenufzten Einfluss, den die Ergebnisse der einen auf die 
Forschung in den anderen Richtungen ausüben — weniger der Nachteil einer Zersplitterung zu befürchien als ein beschleunigter 
Sorischritt zu erwarten. Dieser wird um so sicherer eintreten, als gegenwärtig Regierungen und Uolk, die hohe Bedeutung 
chemischer Forschung erkennend, ihrer Pflege alle Sorgfalt und reiche Millel zuwenden. 
Mag nun die Befrachtung noch bei einigen Punkten von allgemeinerem Interesse verweilen, wobei sich eine ins einzelne 
gehende Darstellung nicht allein durch die gebotene Kürze, sondern auch durch die Schwierigkeit verbielel, dem Ferner 
stehenden eine deutliche Vorstellung von chemischen Problemen zu verschallen. Ein Gebiet, das bei dem beulzutage weiter 
verbreileien Verständnis für naturwissenschaftliche Dinge wohl berührt werden darf, ist die Entwickelung unserer Kenntnis 
von den chemischen Grundstollen oder Elementen. Fällt die klassische Periode der Auffindung oder Feststellung derselben 
in die Zeit vor und nach der letzten Jahrhundertwende, so ist doch jener Quell überraschender Entdeckungen auch jetzt 
noch nicht versiegt. Seit I860 lehrt uns die Spektralanalyse die seltensten und verborgensien Elemente aufspüren, und weit 
über die Grenzen sonstiger chemischer Untersuchungen binaus zeigt sie uns die irdischen Elemente in der Sonne und den 
Fixsternen wieder. Und leuchtet aus jenen Fernen der alüihende Dampi eines uns noch neuen $toffes herüber, so brauchen 
wir nichi daran zu verzweifeln, seiner auch einmal wirklich habbait zu werden. Baben wir es doch vor wenigen Jahren erlebi, 
dass das gasiörmige Sonnenelement Belium auf unserer Erde gefunden wurde, wo es in einigen seltenen Mineralien durch 
eine noch rätselhalle Kraft eingeschlossen ist. Im Jahre 1869 glückte es, das Geseiz des Zusammenhangs der Elemente 
im sogen. periodischen Sysiem zu erkennen. &s enihiüllt uns diese Stoffe, die wir bis jetzt nicht ineinander umwandeln 
können, als Glieder einer Familie und erweckt dadurch die Vorstellung ihrer gemeinsamen Abstammung von einer Materie 
anderer Ordnung, als sie bis heute unseren Experimenten zugänglich ist. Den glänzendsten Criumph "feierte die Entdeckung 
durch die Voraussagung neuer Elemente und die Vorausbesiimmung ihrer Eigenschaften. Dreimal ist uns seit jener Zeit 
das wunderbare Schauspiel der wirklichen Auflindung solcher Stoffe geboten worden; es kann danach kein Zweifel mehr 
bestehen, dass das periodische System im wesentlichen den richtigen Ausdruck Tür die Beziehungen der Elemente zueinander 
enthält. Und doch fehlt uns nach dreissig Jahren noch die scharle malhemalische Form des Gesetzes, noch ist es nicht 
gelungen, die vereinzelten, aber bedrückenden Ausnahmen zu beseitigen oder zu erklären. Ja seit der Entdeckung der 
neuen Bestandieile der Luft, des Argons, Metargons, Meons, Krypions u. s. w. ist die Lage fasi eine kritische, da es 
nicht recht gelingen will, diese Elemente glatt in das System einzuordnen, das also wohl eines Ausbaues bedari. Auch 
noch in anderer Beziehung sind sie überraschend gekommen. Thre späte Auffindung in der Luft, die wir atmen und seit 
100 jahren zu kennen glauben, könnte emen Vorwurf gegen die Gründlichkeit unserer Untersuchungen rechifertigen, wären 
diese Stoffe nicht eben von ganz besonderer Art, indem ihnen jede Uerbindungsfähigkeit mit anderen Elementen fehlt. Sie 
entziehen sich dadurch der eigentlich chemischen Forschung. 
Die Atomibheorte lehrt, dass es kleinste und somit unteilbare Partikelchen der Elemente, die Alome, giebt, die sich bei den 
chemischen Vorgängen trennen oder verbinden. Solange sie Bypotbese isi, können gegen diese Anschauung Einwände 
erhoben werden, die sich freilich auf Bedenken mehr philosophischer Natur stützen. Der Ehemiker wird sie aber nicht auf- 
zugeben vermögen, ohne in sein ungeheures Chalsachenmaterial die grösste Verwirrung bereinbrechen zu sehen. Ihm sind 
die Atome, wenn er sie auch micht unmittelbar wahrnehmen kann, Wirklichkeiten, von denen eine ganze Reihe von Eigen- 
schaften zablenmässig bekannt ist, deren Arössenordnung aus gewissen physikalischen Erscheinungen weniastens annähernd 
bestimmt werden kann und die sih an bestimmte Stellen von Molekulargebilden einfügen und wieder entiernen lassen. 
Ob sie unter irgend welchen Umständen auflösbar sind, ist eine Frage, aui welche es keine bestimmie Antwort giebt, 
solange nicht experimentell gangbare Wege in dieses Gebiet ihren. 
In einem Zustande bober Vollendung beiindet sich die organische Ehemie den Aufgaben aegenüber, die sie sich bisher 
gestellt hat. Mit begründeter Aussicht auf Erfolg geht sie an die Bestimmung der „Konstitution“ (d. ij. der Art der Bindung 
der einzelnen Atome untereinander) auch bei komplizierien Gebilden und die „Formel“, in der das Resultat dieser Arbeit 
aufgezeichnet ist, erzählt dem, der diese Schrift zu lesen versteht, eine fast unendliche Fülle von Eigenschaften und möglichen 
Verändeningen, die dieses Gebilde erleiden kann. Mit der Lösung der Konstitutionsfrage fällt oft schon das Gelingen der 
Synthese (des künsilichen Aufbaues) aus einlacheren Stollen zusammen. Die Pilanzenbasen, die Körper der Bamsäure- 
gruppe, die Zucerarien, die älberischen Ocle bezeichnen Etappen aul diesem Eroberungszug. Kein Zweilel, dass bier ein 
  
Wissenschalt 65