La Tour d' Auvergnes Äußerungen zur römischen Frage. 157
Bismarck schon aus seinen Gesprächen mit Benedetti kannte: daß es die Schwierigkeiten seiner
Lage, die es gegen die Konferenz ins Feld führe, absichtlich übertreibe, daß es im Gegensatze
zu Rußland und England an gutem Willen fehlen lasse und sich gar der Verlegenheiten
Napoleons III. freue usw. Den Hinweis Bernstorffs auf die Unfreundlichkeit des französischen
Verhaltens gegen Preußen, z. B. bei der Einladung Sachsens und Hessens wollte der Fürft nicht
gelten lassen; das sei bloß eine „inadvertance“. Auffällig war in den Äußerungen des französischen
Botschafters eine entschiedene Stellungnahme zugunsten des Papstes, die den Schluß
nahe legte, daß dieser seine anfänglichen Bedenken gegen die Konferenz in der Sicherheit, an
Frankreich einen Sachwalter zu haben, zurückgestellt hatte. Über Italien, dessen innere
Zustände er als unhaltbar hinstellte, äußerte sich La Tour d'Auvergne in abfälligster Weise;
drohend erklärte er, niemals werde Frankreich dulden, daß das italienische Parlament in Rom
tage. Vgl. auch den eigenen Bericht des französischen Botschafters vom 27. November über
die Rücksprache mit Graf Bernstorff. Les Origines Diplomatiques, XIX, 364 ss.
Berlin, den 3. Dezember 1867.
Ew. pp. erhalten anliegend zu Ihrer vertraulichen Kenntnisnahme einen Auszug aus
einem Berichte des Königlichen Botschafters in London vom 26. v. M. über eine Unterredung
mit seinem französischen Kollegen Prinzen La Tour d'Auvergne, welche dadurch ein
besonderes Interesse erhält, daß der letztere eben aus Paris zurückgekehrt war und daher
die Annahme berechtigt erscheinen dürfte, daß seine Außerungen nicht bloß seine eigene
persönliche Meinung, sondern die in Paris in den maßgebenden Kreisen herrschende Auffassung
abspiegeln.
Die Grundlosigkeit des Vorwurfs, daß wir weniger guten Willen gezeigt als andere
Regierungen, ist Ew. pp. ebensosehr bekannt, als Sie die absichtliche oder unabsichtliche
Unterschätzung der Schwierigkeiten zu würdigen wissen werden, welchen gerade Preußen
bei einer Lösung der römischen Frage begegnet. Die Hoffnung des Marquis de Moustier,
daß ein Programm auf der Konferenz selbst gefunden werden möge, setzt eine eigentümliche
Illusion über die Wirksamkeit solcher Verhandlungen, noch dazu auf einer so zahlreichen
Konferenz wie die von Frankreich ins Auge gefaßte, voraus. Sie können nur das leisten,
was an praktischen, auf bewußter und klarer Einsicht beruhenden Gedanken in sie hineingetragen
wird; daß aber gleichsam zufällig aus den auf kein bestimmtes Ziel hingerichteten
Besprechungen so vieler von widersprechenden Interessen geleiteter Mitglieder ein glücklicher
Gedanke, ein brauchbares Programm auftauchen sollte, ist eine zu sanguinische Hoffnung,
für welche die bisherigen Erfahrungen wahrlich keine Anhaltspunkte darbieten. Auf
die Schwierigkeit, welche in der notwendigen Einwilligung des Papstes liegen würde, hat
der Königliche Botschafter gleich in der Unterredung selbst mit vollem Recht hingewiesen.
Der französische Botschafter scheint diese letztere Schwierigkeit unerwartet gering anzuschlagen;
und es liegt nahe, dies, in Verbindung mit seiner Beschreibung von dem unhaltbaren
Zustande Italiens und seiner Klage über die übereilte Unifikation Italiens, mit den
Nachrichten in Beziehung zu bringen, welche uns über die angeblich dem Papste eröffneten
Aussichten auf veränderte politische Gestaltung Italiens, wodurch seine Zustimmung zur
Konferenz gewonnen sein soll, zugekommen sind. Wieweit es Frankreich mit der Verwirklichung
solcher Aussichten ernst sei, muß ich freilich dahingestellt sein lassen; jedenfalls sind
diese Nachrichten und Symptome der Aufmerksamkeit wert, um so mehr, da auch über die
Tätigkeit französischer Agenten in Muratischem Sinne im Süden Italiens mehrfache Anzeigen
vorhanden sind.