In den Jahren 1873 bis 1876 veröffentlichte Nietzsche unter
dem Titel:
Unzeitgemässe Betrachtungen
vier Bficher, die sieh die Aufgabe stellen, das in obigem Werk angeregte
Problem der Kultur, speziell der deutschen Kultur, nach
allen Riehtimgen zu durchforschen, die Prärogativen und Mängel
unserer jetzigen sowohl, als auch die Ziele der künftigen Kultur zu
bezeichnen und vor Allem jeden berufenen Einzelnen auf das, was
ihm nach der wahren Erkemntniss des Wesens der Kultur selber
noth thut, aufmerksam zu machen,
Erstes Stück:
David Strauss, der Bekenner u. der Schriftsteller.
Preis 3 Mark.
Inhalt: I Vom angeblichen Sieg der deutschen Bildung und Kultur über
Frankreich, (Was ist Kultur 9) II. Wer hiervon gesprochen: der Bildungsphilister.
Seine Entstehung, sein Wesen und sein Verhältniss zu den Problemen
und Menschen der Kultur, III. Strauss als Fürsprecher der Bildungsphilister.
IV. und V. Wie sich der Neugläubige seinen llimmel denkt. VL und YIL Wie
weit der Muth reicht, den die neue Religion ihren Gläubigen verleiht. VII Wie
der Neugläubige seine Bücher schreibt, Der „klassische Schriftsteller“ Strauss.
IX. und X. Der Voltaire-Lessing-Strauss. XI, Charakteristik der Darstellungsweise
Straussens. XII. Stilistische Unbeholfenheiten.
In der einleitenden Schilderung der deutschen Bildung und
Kultur nach dem 70er Kriege wird der reine Begriff der Kultur,
der in Dentschland verloren gegangen scheint, festgestellt und erwiesen.
Als Schädiger der wahren Kultur missen u. A. auch die erkannt
werden, die in Straussens Werk „der alte und der neue Glaube®
ihre Ansichten ausgesprochen finden. Die eingehendere Kritik dieses
Buches giebt Nietzschen Gelegenheit seinen hohen Standpunkt in
der Frage der Kultur deutlich zu machen, sodass diese erste unzeitgcemässe
Betrachtung die rudimentalen Anschauungen enthält, die
zum Verständniss der folgenden erforderlich sind. Unter den zahlreichen
Besprechungen dieser Schrift sei hier nur auf die ernsteste
in Karl Hillebrand’s „Zeiten, Völker und Menschen® Bd. II. pag.
291—310 hingewiesen. Siche auch „Bruno Bauer, zur Orientirung
über die Bismarck’sche Ära® p. 287, 288.
Zweites Stück:
Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben,
Prois 3 Mark.
Inhalt: Vorwort. 1]. Verständigung über das Thema. I]. Das Leben
braucht den Dienst der Historie. Dem Thäütigen und Strebenden gehört die
monumentalische Historie; III. dem Bewahrenden und Verehrenden die antiquarische,
dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen die kritische. IV. Blick
auf die Gegenwart: das Uebermaass der Historie erzeugt einen Zwiespalt zwischen