Full text : Europäischer Geschichtskalender. Ergänzungsheft zum Europäischen Geschichtskalender für 1865. (6a)

zum  Geschichtskalender  1865.  49

mit  den  Mittheilungen  vereinigen,  welche  uns  bezüglich  der  Rüstungen  und
Kriegsvorbereitungen,  die  gegenwärtig  in  Sachsen  stattfinden,  zugehen,  und
die  es  uns  nicht  mehr  zweifelhaft  machen,  daß  die  sächsische  Armee  nach  und
nach  auf  den  vollständigen  Kriegsfuß  gebracht  werden  soll;  ja  daß  dieser  Zweck,
soweit  es  die  Artillerie  betrifft,  bereits  vollständig  erreicht  ist  und  es  bezüglich
der  Kavallerie,  insbesondere  durch  den  angeordneten  und  zum  größeren  Theil
bereits  effektnirten  Ankauf  von  Pferden,  in  Kürze  sein  wird.

„Die  Natur  unserer  gegenwärtigen  Beziehungen  zu  Oesterreich  und  die
geographische  Lage  Sachsens  erlauben  uns  nicht,  den  Rüstungen  und  Kriegsvorbereitungen
  in  Sachsen  keine  Rechnung  zu  tragen.  Wir  können  nicht
gleichgültig  bleiben,  wenn  in  einem  so  kritischen  Augenblick  ein  Staat,  dessen
Haltung  für  jeden  der  beiden  Theile  wichtig  ist,  Maßregeln  ergreift,  die  nur
einen  Sinn  haben,  wenn  er  auf  die  Neutralität  verzichten  will.  Es  muß,
ich  bedaure  es  sagen  zu  müssen,  hinzugefügt  werden,  daß  die  bis  dahin  durch
die  königlich  sächsische  Regierung  beobachtete  Haltung  und  der  feindliche  Geist
gegen  Preußen,  welcher  sich  in  der  offiziösen  Presse  Sachsens  kundgibt,  uns
keine  andere  Annahme  erlauben,  als  daß  diese  Rüstungen  gegen  uns  gerichtet
  sind.

„Diese  Erwägungen  rechtfertigen  unsern  Schritt,  wenn  wir  von  der  königlichen
  Regierung  Erklärungen  über  ihre  militärischen  Vorbereitungen  fordern.

„Ich  ersuche  demzufolge  Ew.  Exc.  auf  Befehl  Sr.  Maj.  des  Königs,
mündlich,  aber  offiziell,  von  Hrn.  v.  Beust  die  nöthigen  Aufklärungen  in
Bezug  auf  jene  militärischen  Vorbereitungen  zu  verlangen.  Ew.  Excellenz
wollen  ihm  gleichzeitig  zu  verstehen  geben,  daß  wenn  diese  Aufklärungen
nicht  in  einer  genügenden  Weise  gegeben  werden  und  wenn  der  Befehl  zur
Rückgängigmachung  der  vorgenommenen  Rüstungen  nicht  ertheilt  wird,  Se.
Maj.  der  König  gezwungen  sein  würde,  entsprechende  militärische  Maßregeln

  gegen  Sachsen  zu  ergreifen.  Indem  ich  eine  rasche  Antwort
  erwarte  etc.

27.  April.  (Preußen)  richtet  an  die  deutschen  Regierungen  eine  Circulardepesche
  zu  Unterstützung  der  von  ihm  vorgeschlagenen  Bundesreform

  und  des  dabei  nach  seiner  Ansicht  einzuschlagenden  Weges:
„Der  Neuner-Ausschuß,  welcher  unseren  Antrag  vom  9.  April  d.  J.  auf
Einleitung  der  Bundesreform  durch  Berufung  eines  Parlaments,  der  Bundesversammlung
  zur  Beschlußfassung  zu  unterbreiten  hat,  ist  am  26.  April  gewählt
  worden,  und  es  handelt  sich  nunmehr  um  Beschleunigung  der  Entscheidung
  dieser  Vorfrage.  Während  das  Reformbedürfniß  von  allen  Seiten  längst
anerkannt  ist,  und  während  die  Nothwendigkeit  der  parlamentarischen  Mitwirkung
  an  der  Bundesreform  kaum  noch  ernstlich  bestritten  werden  kann,  tritt  uns
in  den  Erklärungen  verschiedener  Regierungen  in  der  Bundestagssitzung  vom
21.  April  und  auf  anderen  Wegen  die  Auffassung  entgegen,  daß  vor  der
Beschlußnahme  über  die  Parlamentsberufung  erst  über  die  materielle  Seite
der  Reformfrage  zwischen  den  Regierungen  eine  Einigung  zu  erzielen  sei.
Man  erwartet  von  uns  die  Einbringung  unseres  vollständigen  Reformplanes
  in  den  Ausschuß  und  eine  Regierung  geht  soweit,  sogar  den  Beginn
  der  Thätigkeit  desselben  von  einer  solchen  Mittheilung  abhängig  machen
zu  wollen.  Dieser  Auffassung  gegenüber,  deren  Verwirklichung  die  Beseitigung
jedes  ernsthaften  Reformversuchs  wäre,  müssen  wir  darauf  aufmerksam  machen,
daß  nach  unserem  Antrage  und  dem  Bundesbeschlusse  vom  21.  April  die  Aufgabe
  des  Neuner-Ausschusses  nicht  die  Verhandlung  über  die  dem  Parlamente
zu  machenden  Reformvorlagen,  sondern  die  Berichterstattung  darüber  ist,  ob
von  Bundeswegen  die  Einberufung  einer  aus  directen  Wahlen  hervorgehenden
Volksvertretung  zur  Berathung  der  Bundesreform  zu  beschließen  sei  oder  nicht.
Unsere  Vorschläge  für  die  Reformvorlagen  werden  wir  unseren  Bundesgenossen
erst  dann  vorlegen,  wenn  der  Zusammentritt  des  Parlaments  zu  einem
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