Full text : Lehr- und Lesebuch oder die Vaterlands- und Weltkunde.

—  1396  —

I.  K8räuter.
53.  Die  Blumen.

Unter  Allem,  wad  der  Frühling  Schönes  bringt,  ift  doch  nichts  fo
[Hön,  al3  feine  Blumen.

Sch  begreife  nicht,  wie  man  anders  fanı,  al8  die  Blumen  Yieken.
Wer  nicht  die  Blumen  liebt,  muß  noch  nie  eine  Blume  recht  betrachtet
haben,  oder  e8  muß  etwas  in  ihm  fein,  was  ihn  überhaupt  der  reinen
Liebe  unfähig  macht.

MWelh  ein  unjshulbiges,  einfältiges,  demüthiges,  fröhliches  Werfen
in  den  Blumen!

Sede  Tugend  hat  ihr  reizenbe8  Sinnbild  in  der  Blumenwelt:
der  zarte  Sinn,  die  Befcheidenheit,  bie  Geduld,  die  Sanft:
muth,  Die  Herzensreinheit,  der  Glaube,  Die  Hoffnung,  ber
Himmelßjinn.

Am  meilten  Iob’  ich  mir  die  Blumen  des  Marl  Sie  haben  meift
jo  helle,  Iuftige  Farben;  ein  fo  frifches,  fröhliches  Anjehen,  jo  ein  Yiebliches,
  unfchuldiges  Uejen.

Sie  ftehen  jo  in  Haufen  zufammen  und  niden  muthwillig  einander
zu.  Ste  blühen  jo  Tebendig  Hinauf  in  Das  Licht.  AL  feinen  Glanz
im  Angefichte,  in  all  feine  Schimmer  geffeidet,  find  fie,  wie  Die  Tage
ihres  Xebend.  Sie  Icheinen  und  zuzurufen:  „Seht  Doch,  wie  wir  guter
Dinge  find!  Sekt  ift  die  fchöne  Zeit,  da  foll  alle  Welt  fröhlich  fein.”

Auch  die  erften  Kinder  des  jahres,  da8  Schneeglöcdkhen,  das
Qeberblümchen,  die  Primel,  der  Krofus  und  das  Veildhen
nehmen  fich  in  ihrer  unjdhuldigen  Ginfachheit  ungemein  Tieblih  auß.
„Seht,"  Tprechen  fie,  „wir  find  wieder  Da;  e8  ift  zwar  noch)  Falt,  aber
wir  machen  und  nicht  viel  Daraus,  wir  find  Daran  gewöhnt,  und  friert
nicht  Leicht;  wir  Eonnten  e3  nicht  mehr  aushalten  unter  der  Erde,  darum
mußten  wir  Hinaus  in  Den  Iuftigen  Tag,  in  bas  Tiebliche  Leben  und
euch  jagen,  daß  der  Frühling  fommt!”

54.  Das  Leben  der  Blumen.
a.  Einfachfte  Darfiellung.

Die  Erde  giebt  allen  Pflanzen,  alfo  auch  den  Blümchen,  Nahrung,
jo  wie  die  Mutter  ihren  Kindern  Nahrung  giebt.  Sm  Winter  find
jedoch  draußen  feine  Blumen  zu  finden,  und  die  Wurzeln  berjelben,
welche  in  der  Erde  verborgen  find,  fangen  erft  wieder  an,  Knospen
zu  treiben,  wenn  ber  warme  Frühling  fommt.  Da  freut  fich  Miles
über  die  Tieblichen  Blumen;  fie  werden  von  vorüberfließenden  Quellen
getränkt,  Vögel  und  Snfekten  flattern  um  fie  her,  Die  Sonne  Befcheint
fie  fo  freundlich,  und  felbft  der  Menfch  freut  fich  über  Die  Ankunft  der
Ichönen,  bunten  Blümchen.  An  jeden  Morgen  aber  werben  fie  durd)
den  funfelnden  (glänzenden)  Thau  erfrifcht  und  gereinigt.  —  Die  Heis
nen,  danfbaren  Blumen  möchten  auch  gern  und  Alle  noch  mehr  erfreuen.
Sie  verbreiten  daher,  fo  lange  fie  blühen,  einen  angenehmen  Gerud