Volltext : Handbuch der Politik. Zweiter Band. (2)

Otto  Blum,  Wettbewerb  zwischen  Eisenbahnen  und  Wasserstrassen.  987

 

&0  ist  z.  B.  im  engliech-indischen  Verkehr  derWasserweg  für  Güter  für  die  ganzeStrecke  London—Gibraltar
—Suez--Bombay  das  Gegebene,  für  Personen  und  die  Post  ist  dagegen  der  Eisenbahnweg  London—Brindisi
oder  Lundon—Marseille  (Genua,  Neapel)  dem  Wasserweg  überlegen.

Im  allgemeinen  lässt  sich  sagen,  dass  von  Wettbewerb  für  folgende  Fälle  nicht  die  Rede  ist,
weil  eine  grundsätzliche  Überlegenheit  des  einen  Verkehrsmittels  über  das  andere  besteht:

1.  Wo  Seeschiffahrt  möglich  ist,  scheidet  der  Eisenbahnverkehr  aus.  Dies  gilt  also  für  das

Meer,  die  grossen  Strommündungen  und  die  Seekanäle.  Oft  ergänzt  hier  allerdings
die  Eisenbahn  den  Wasserweg  (vgl.  Eisenbahn  London-Brindisi,  Sibirische  Bahn,  Suezkanalbehn,
  Eisenbahn  Bremen-Bremerhaven,  Hamburg-Cuxbafen).

.  In  der  Binnenschiffahrt  sind  die  grossen  von  Natur  gutschiffbaren  Ströme  und  die  Binnenseen
  im  Verkehr  geringwertiger  Güter  der  Eisenbahn  überlegen.

.  Die  Eisenbahn  kann  kleinen  Flüssen  und  Kanälen  mit  kleinen  Abmessungen  selbst  für

Massengüter  überlegen  sein.

Die  Eisenbahn  ist  für  Personen,!)  hochwertige  und  schnell  zu  befördernde  Güter  dem

Wasserweg  überlegen.

Demgemäss  müssen  die  Fälle,  in  denen  Wettbewerb  eintreten  kann,  in  den  unter  2  und  3
erwähnten  Gruppen  liegen;  und  es  kommt  darauf  an,  wo  im  einzelnen  Fall  die  Grenze  liegt.  Au
wichtigsten  sind  dabei  die  Binnenkanäle  und  die  Flusskorrektionen,  denn  auf  diese  konzentriert  sich
zurzeit  das  Interesse.

In  der  Hauptsache  läuft  die  ganze  Frage  darauf  hinaus,  auf  welchem  Weg  billiger  befördert
  werden  kann;  es  muss  eben  das  immer  wieder  kehrende  Grundgesetz  der  Wirtschaftlichkeit
erfüllt  werden  vom  Aufwand  der  kleinsten  Mittel  zur  Erzielung  des  Zwecks.

Hier  ist  nun  bezüglich  der  Wettbewerbfähigkeit  der  Binnenwasserstrassen  eine  gewisse  Verwilderung
  der  Begriffe  eingetreten.  Die  Kanalfreunde  schliessen  nämlich:  Auf  den  Eisenbahnen
bestehen  für  Massengüter  gewisse  Tarife  und  auf  dem  Wasserweg  würden  die  Selbstkosten  unter
diesen  Tarifen  bleiben.  Hierin  ist  zunächst  falsch,  dass  man  Tarifund  Selbstkosten  mit
einander  vergleicht,  und  ausserdem  werden  sehr  oft  von  den  Selbstkosten  der  \Vasserstrassen
gewisse  Teile  fortgelassen.

Einem  derartigen  fehlerhaften  Vergleich  gegenüber  ist  die  Vergleichende  Berechnung  naclı
folgenden  Grundsätzen  aufzustellen:

Es  müssen  für  jede  Vergleichsstrecke  die  Gesamt-Selbstkosten  beider  Verkehrsmittel
  mit  einander  verglichen  werden;  und  nur  wenn  der  Wasserweg  beträchtlich  billiger  ist,  ist.
er  der  Eisenbahn  vorzuziehen;  bei  gleichen  Selbstkosten  ist  der  Wasserweg  dagegen  auszuschalten,
weil  die  Eisenbahn  noch  andere  in  Zahlen  kaum  ausdrückbare  Vorzüge  (Pünktlichkeit,  Schnelligkeit,
  Unabhängigkeit,  Verzweigungsfähigkeit)  besitzt.2)

Als  Selbstkosten  sind  die  gesamten  Kosten  zu  rechnen,  also:  Verzinsung  des  Anlagekapitals
  (z.  B.  einer  Fiussverbesserung,  soweit  sie  der  Schiffahrt  zugute  kommt),  Unterhaltung
aller  Anlagen  und  Einrichtungen,  Abschreil  ‚  Tilgungsquoten,  Betriebs-  und  Verwaltungskosten.

Um  ru  zeigen,  wie  die  Rechnungen  häufig  entstellt  werden.  sei  auf  folgendes  sufmerksam  gemacht:

Man  verw-chselt  boi  der  EisenLahn  (zu  ihren  Ung  ınsten)  den  Tarif  mit  den  Selbstkosten  und  begeht  dabei
folgende  Schnitzer:  man  vergiret,  dass  sich  die  Eisenbahn  vielfach  höher  verzinst  als  der  landesübliche  Zınsfuss
beträgt.  das  folgt  eben  daraus,  dass  grade  für  die  für  de  Vergleich  wichtigen  Massengüter  die  Tarife  höher  sind  als
die  Selbstkosten  (einschl.  landesüblicher  Verzinsung);  ferner  wırd  aus  den  Überschüssen  der  „guten“  Strecken
die  Unterbilaız  der  unrentabein  Strenken  (Nebenbahnen)  gedeckt,  dıe  „guten“  Strecken  kommen  aber  gerade
für  den  Vergleich  mit  dem  Wasserweg  in  Betracht.  Sodann  vergleicht  man  die  Bahnun,  wie  sie  jetzt  vorhanden
eınd,  mit  einem  zu  hauenden  Kanaı;  man  darf  aber  nur  einem  bestimmten  Kanal  für  Massengüter  eine  il.m  etwa
parallel  verla-ıtende  Balın  gegenüberstellen.  die  für  die  Beförderung  von  Massengütern  besonders  eingerichtet  ist.

Ausserdem  müssen  die  Eisenbahnen  in  Deutschland  sehr  hohe  Geschenke  an  die  Reichspost  leisten.

1n  dıesem  Sinn  hat  die  Schrift  von  Cauer-Rathenau  über  Massengüterbahnen  aufklärend  gewirkt.  Gegenüber
diesen  häufig  anzutreffenden  für  die  Eisenbalın  zu  ungünstigen  Berechnungen  findet  man  dagegen  vielfach,  dass
von  den  Wasserfreunden  gewisss  Selbstkosten  des  Warserwegs  furtgelassen  werden.  Gestützt  auf  den  früheren
Wortlaut  der  Reiet.sverfaseung  werden  z.  B.  die  Kosten  für  Flussverbesserungeu  (also  Verzinsung.  Abschreibung,
Unterhaltung,  Tilgung)  überksupt  nicht  berechnet,  ferner  vergisst  map  nicht  s.Iten  die  Kusten  ıür  die  Umladung

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ı)  Der  Vergnügungsverkehr  kann  bier  ausser  Betracht  bleiben,  weil  er  eine  sehr  bescheidene  Rolle  spielt.
%)  Es  gibt  Eisenbahnfanatiker,  die  wegen  dieser  Vorzüge  der  Eisenbahn  den  künstlichen  Binnenwasser  -
strassen  einen  Wert  überhaupt  absprechen.