Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 5. (5)

Hohenzollernsche  Thronkandidatur  in  Bukarest.  Neue  Weisungen  an  Savigny.  447

fürhaltens  vollkommen  zutreffend  und  erschöpfend.  Vielleicht  geruhn  Eure  Majestät
bei  Nr.  5  noch  schärfer  hervorzuheben,  daß  Allerhöchstdieselben  auch  das  moralische
dem  Preußischen  Staate  nicht  würden  auferlegen  wollen,  und  bei  Nr.  7  die  zweifellose
  Wahrheit  anzudeuten,  daß  der  Beherrscher  Rumäniens,  wenn  er  Rußlands  guten
Willen  nicht  hat,  durch  die  Schwerkraft  der  Politik  gegen  seinen  Willen  ein  factischer
Vasall  Oestreichs  und  damit  in  den  meisten  Fällen  ein  Gegner  Preußens  werden  muß.

Anlage.
  Eigenhändige    Aufzeichnung  König  Wilhelms  I.
An  den Fürsten  von  Hohenzollern.  Projekt.²

1.  Der  Brief  habe  mich  überrascht  durch  die  eingehende  Art  auf  das  Thema.
2. Natürlich  sei  er  als  Vater  zunächst  berufen,  das  Schicksal  seiner  Kinder  ins  Auge  zu fassen.

3.  Dies  Schicksal  scheine  mir  aber  auch  ohne  die  quest[ionierte]  Stellung  nicht  so  nachtheilig,

  wie  er  es  schildere.

4.  Die  Stellung  scheine  doch  sehr  précaire.

5 Politisch  sei  die  Frage  gewiß  nicht  erwünscht    für  Preußen,  da  es  in  die  orientalische
Frage  hineingezogen  werden  könne,  da  doch  immer  ein  moralisches  Band  besteben

werde  zwischen  Preußen  und  Moldau-Walachai-Fürsten.  

6. Die Stellung der Kabinette müsse ergründet werden zu  dieser  Wahl.

7.  Ohne  Rußlands  Einstimmung  sei  die  Annahme  unmöglich.

    

*298.  Erlaß  an  den  Bundestagsgesandten  in  Frankfurt  von  Savigny.

[Konzept  von  der  Hand  des  Vortragenden  Rats  Abeken.]
Berlin,  den  7.  April  1866.

Ew.  pp.  beehre  ich  mich,  meinem  telegraphischen  Versprechen  gemäß  in  folgendem  noch
einige  Andeutungen  über  den  Gedankengang  zu  geben,  welchen  ich  bei  der  Motivierung  des
am  Bunde  zu  stellenden  Reformantrages  innegehalten  zu  sehen  wünsche.

Den  Ausgangspunkt  würde  das  durch  die  vielfachen  Versuche  zu  einer  Reform  bewiesene
  allgemeine  Anerkenntnis  des  Bedürfnisses  bilden,  welches  schon  vor  den  Krisen  des
Jahres  1848  durch  Preußen  und  zuletzt  im  Jahre  1863  durch  die  österreichische  Berufung  des
Fürstentages  in  Frankfurt  kundgegeben  worden  sei.  Österreich  habe  damals  erklärt,  daß
weder  es  selbst  noch  Preußen  „sich  mit  irgendeinem  Grade  von  Vertrauen  auf  den  Bund  in
seinem  jetzigen  Zsjtande  stützen  könne“;  es  habe  die  Hoffnung,  „daß  die  morschen  Wände  den
nächsten  Sturm  noch  aushalten  möchten“,  als  einen  bloßen  Wunsch  bezeichnet,  der  dem  Gebäude
  die  nötige  Festigkeit  nicht  wiedergeben  könne.  Wenngleich  Preußen  an  den  damaligen
zur  Abhilfe  dieses  Zustandes  eingeleiteten  Schritten  nicht  habe  teilnehmen  können,  so  habe  es
doch  das  Bedürfnis  auch  seinerseits  anerkannt  und  in  seiner  Eröffnung  an  die  deutschen  Regierungen
  vom  September  d.  J.  sich  darüber  offen  ausgesprochen.

Seit  der  Zeit  seien  wichtige  Ereignisse  eingetreten,  welche  das  Bedürfnis  nur  um  so  lebhafter
  empfinden  ließen.

Zunächst  habe  der  dänische  Krieg  gezeigt,  daß  nicht  einmal  das  Einverständnis  von
Preußen  und  Österreich  hinreicht,  um  dem  Bunde  einen  wirksamen  Impuls  zu  einer  aktiven
und  großen  Politik  zu  geben,  wie  europäische  Krisen  sie  erheischten.

2 Siehe  den Text  des  königlichen  Antwortschreibens  vom 14., dem auf Bismarcks Antrag noch ein
Postskriptum  hinzugefügt  wurde,  in:  Aus  dem  Leben  König Karls  von Rumänien, I,  11 ff.