Full text : Unser Kaiser.

In  Amerika.  47

In  Amerika.

Zwei  Jahre  vor  dem  Weltkriege,  im  Jahre  1912,  weilte  ich
in  Amerika.  Das  Syrische  Waisenhaus  in  Jerusalem  war
abgebrannt  und  die  Arbeit  und  Mühe  von  fünfzig  Jahren
in  einen  rauchenden  Trümmerhaufen  verwandelt  worden.
Unsere  Freunde  in  Deutschland  und  der  Schweiz  halfen  uns
in  herzerhebender  Weise.  Aber  es  fehlten  schließlich  doch
noch  60  o00  Mark  an  der  Bausumme,  um  all  das  Zerstörte
in  der  früheren  Weise  aufzurichten.  Da  reiste  ich  in  die
Vereinigten  Staaten,  die  ich  von  früher  kannte,  und  es
gelang  mir,  die  noch  nötige  Summe  fast  genau  in  der  erforderlichen
  Höhe  aus  den  Kreisen  der  Deutsch-Amerikaner
zusammenzubringen  und  an  unseren  Schatzmeister  in  Cöln
zu  schicken.

Da  habe  ich  die  weitesten  Kreise  der  Deutsch-Amerikaner
kennen  gelernt.  Sie  halfen  mir  in  jeder  Hinsicht  wie  einem
alten  Freunde,  daß  ich  mich  bei  ihnen  wie  zuhause  fühlte
und  ihre  Gastfreundschaft  nicht  dankbar  genug  rühmen  kann.
Bei  einem  früheren  Besuche  hatten  sie  sogar  dafür  gesorgt,  daß
ich  im  Weißen  Hause  beim  Präsidenten  Roosevelt  empfangen
wurde.  In  seiner  männlich  geraden,  schlichten  Weise  begrüßte
  er  mich.  Er  sagte  zuerst  in  englischer  Sprache,  er
habe  sich  vor  25  Jahren  in  Deutschland,  und  zwar  in  der
wunderschönen  Stadt  Dresden,  aufgehalten,  und  habe  das
Volk  und  die  Sprache  liebgewonnen.  Dann  wechselte  er
aber  die  Sprache  und  fuhr  deutsch  fort.  Wenn  er  auch
manchmal  nach  dem  Auödruck  suchen  mußte,  sagte  er  doch
ziemlich  fließend:  „Ja,  ich  liebe  Ihre  schöne  deutsche  Sprache,