Full text : Auswahl für das Feld.

Mont  St.  Jean,  rittlings  auf  der  Brüsseler  Straße,  mit  der  Front
nach  Süden.  Die  Furcht  vor  einer  Umgehung  von  rechts  her  gab
er  freilich  noch  immer  nicht  ganz  auf  und  ließ  daher  bei  Hal,  zwei
Meilen  westlich  vom  Schlachtfelde  ein  Korps  von  17000  Mann
stehen,  so  daß  in  den  Entscheidungsstunden  fast  ein  Fünftel  seines
Heeres  fehlte.  Das  preußische  Heer  war  in  der  Nacht  vom  17.
auf  den  18.  vollzählig  in  der  Gegend  von  Wavre  versammelt,
nur  zwei  starke  Meilen  östlich  von  Mont  St.  Jean,  und  auch  die
sehnlich  erwartete  Munitionskolonne  traf  noch  ein.  Aber  diese
kurze  Entfernung,  die  ein  Adjutant  im  Galopp  wohl  in  einer  guten
Stunde  zurücklegen  konnte,  bot  bei  dem  entsetzlichen  Zustande  der
Wege  für  die  unbehilflichen  Geschützmassen  einer  großen  Armee
erhebliche  Schwierigkeiten.  Zudem  ward  ein  langer  Aufenthalt
unvermeidlich,  da  das  noch  unberührte  Korps  Bülows  die  Spitze
nehmen  sollte  und  die  weiter  vorwärts  stehenden  Heerteile  erst
durchkreuzen  mußte.  Beabsichtigte  der  englische  Feldherr  nur  eine
Demonstration,  wie  Gneisenau  eine  Zeitlang  argwöhnte,  so  konnte
die  Lage  der  Preußen,  die  ihre  linke  Flanke  bloßstellten,  hochgefährlich
  werden;  nur  im  festen  Vertrauen  auf  die  unerschütterliche
  Ausdauer  des  englischen  Heeres  durften  sie  das  Wagnis  unternehmen.
  Wellington  getraute  sich  dem  preußischen  Feldherrn  nur
zuzumuten,  daß  er  zur  Verstärkung  des  linken  Flügels  der  Engländer
  herankäme.  Gneisenau  aber  wählte  nach  seiner  großen
Weise  einen  kühneren  und  schwereren  Plan:  er  dachte  vielmehr
die  Franzosen  im  Rücken  und  der  rechten  Flanke  anzugreifen.  Gelang
  dieser  Schlag,  so  war  Napoleons  Heer  vernichtet  und  der
Krieg  mit  einem  Male  beendet.

Daß  die  Besiegten  so  verwegene  Gedanken  fassen  durften,  wurde
nur  möglich  durch  die  Unterlassungssünden  des  Siegers.  Gewiß
war  es  für  Napoleon  nicht  unbedenklich,  den  Preußen  mit  der
Hauptmacht  seines  Heeres  zu  folgen.  Aber  seine  verzweifelte  Lage
forderte  kühne  Entschlüsse.  Blieb  er  dem  rührigsten  seiner  Gegner
auf  den  Hacken,  so  war  möglich,  daß  die  geschlagene  Armee  auf
dem  Rückzuge  gänzlich  aus  den  Fugen  geriet,  da  die  Wirkung

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