Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

664  Lenisches  Reid.  (Juni  30.)

nur  der  Fall  sein  könne,  wenn  Württemberg  nicht  so  spät  zu  den  Wasserstraßen
  komme.  Außer  dem  bereits  bestehenden  Zweckverband  für  die  Kanalschiffahrt
  bis  Plochingen  sei  die  Schaffung  von  Zweckverbänden  für  Heilbronn,
  Groß-Stuttgart,  Ulm  und  Ravensburg  in  Aussicht  genommen,  die
die  Aufgabe  hätten,  die  Interessen  der  dem  Kanal  benachbarten  Gemeinden,
insbesondere  Gelände=  und  Eigentumsfragen  zu  behandeln.  Die  Aufnahme
der  württ.  Pläne  in  den  Etat  des  Reichsamts  des  Innern  zeichne  die  Arbeit
Württembergs  vor.  Die  Bauwürdigkeit  der  württ.  Pläne  müsse  bis  zum
Frühjahr  1918  nachgewiesen  werden.  Unter  Zugrundelegung  des  1200  To.=Schiffes
  müsse  die  ganze  Linie  Mannheim—  Ulm  bis  Februar  nächsten  Jahres
durchgearbeitet  in  den  Reichstag  gebracht  werden.  Die  württ.  Regierung
lasse  die  Pläne  des  Neckarkanals  bis  Plochingen  auf  1200  To.  prüfen  und
der  Südwestdeutsche  Kanalverein  lasse  den  Weg  über  die  Schwäbische  Alp
bearbeiten.  Das  1200  To.-Schiff  bringe  eine  Reihe  von  Vergrößerungen
mit  sich,  die  berückichtit  werden  müßten.

Abg.  Wieland  (Natl.)  begrüßt,  daß  die  bayer.  Regierung  auf  eine
Anfrage  der  württ.  Regierung  zugesagt  habe,  das  Projekt  der  Schiffbarmachung
  der  oberen  Donau  mit  in  ihre  Arbeit  aufzunehmen.

Abg.  Locher  (Ztir.)  beantragt  eine  Ausdehnung  des  Antrages  des  Finanzausschusses
  auf  die  Arbeiten  für  die  Pläne  der  Strecke  Donau—Bodensee.

Am  3.  Juli  führt  der  Minister  des  Innern  Dr.  Fleischhauer  aus,
die  Erfahrungen  während  des  Krieges  hätten  die  Anschauungen  über  den
Wert  der  Wasserstraßen  geklärt.  Die  Ansicht  der  württ.  Regierung  sei  von
Anfang  an  dieselbe  gewesen  wie  heute.  Zur  Stärkung  der  Industrie,  die
angesichts  des  Wirtschaftskrieges  unserer  Feinde  notwendig  sei,  gehöre  der
möglichst  billige  Bezug  von  Rohstoffen  und  Kohle  auf  dem  Wasserwege.
Der  Minister  spricht  Dr.  R.  Bosch  für  seine  hochherzige  Stiftung  den  wärmsten
Dank  aus.  Dadurch  sei  die  Aufstellung  einer  Rentabilitätsberechnung  ermöglicht.
  Durch  die  Verhandlungen  wirtschaftspolitischer  Art  mit  dem  Stichwort
  „Mitteleuropa“  hätten  die  Fragen  einer  leistungsfähigen  Wasserstraße
nach  dem  Osten  erhöhte  Bedeutung  gewonnen.  Dem  bayer.  Projekt  Main
—Donau  stehe  die  württ.  Regierung,  selbstverständlich  durchaus  freundlich
gegenüber  unter  der  Voraussetzung,  daß  württ.  Interessen  dabei  nicht  verletzt
  werden.  Was  die  Fortführung  des  Neckarkanals  bis  Gaislingen  mit
Alb-Durchstich  anbelangt,  so  sei  kein  Zweifel,  daß  dieses  Projekt  technisch
und  volkswirtschaftlich  bedeutende  Vorteile  für  unser  Land  hätte,  da  es  den
Anschluß  an  die  Donau  in  Ulm  ermögliche,  während  bei  anderen  Projekten
dieser  Anschluß  auf  bayer.  Gebiete  erfolgen  würde.  Für  die  Schiffbar-„machung
  des  Oberrheins  sei  die  Reichsleitung  eingetreten  in  der  Absicht,
dadurch  ganz  bedeutende  Wasserkräfte  zu  gewinnen.  Bezüglich  der  Verbindung
  des  Bodensees  mit  der  Donau  liege  ein  bestimmter  Plan  bis
jetzt  noch  nicht  vor.  Bei  allen  Plänen  werde  vorausgesetzt,  daß  auch  die
bayer.  Strecke  der  Donau  unterhalb  Ulm  in  die  Stromverbesserung  einbezogen
  sei.  Auf  eine  Anfrage  der  württ.  Regierung  habe  sich  die  bayer.
Regierung  in  entgegenkommendem  Sinne  geäußert.  Der  Minister  anerkennt
noch  mit  Dank  die  Mitwirkung  des  Südwestdeutschen  Kanalvereins,  der
im  Einvernehmen  mit  den  Regierungen  der  betreffenden  Staaten  Ersprießliches
  leiste.  Gegenüber  dem  1200-To.-Schiff  empfiehlt  der  Minister  eine
gewisse  Zurückhaltung,  da  man  nicht  wisse,  ob  die  Verhältnisse  auf  dem
Neckar  die  Einführung  eines  so  großen  Schiffsdienstes  ermöglichten,  und
es  sei  fraglich,  ob  ein  so  starker  Verkehr  zu  erwarten  sei,  daß  das  1200-To.-Schifp
  auch  wirklich  ausgenützt  werde.

Der  Ausschußantrag  wird  mit  dem  Zusatzantrag  des  Abg.  Locher
(Ztr.)  vom  Hause  einstimmig  angenommen.