662 Neutsches Reich. (Juni 30.)
die hiesigen amtlichen Stellen und weite Kreise der Gesellschaft, die zu Herrn
Theotoky Beziehungen unterhielten, ihn aus seinem Amte scheiden. Seit
dem 11. Juni 1914 am Berliner Hofe beglaubigt, hat der Gesandte sich als
mannhafte und aufrichtige Persönlichkeit bewährt. Die Entschiedenheit, mit
der er hier in schwierigen Lagen den griechischen Standpunkt vertrat, konnte
nur dazu beitragen, die hohe Achtung, die er hier genoß, zu vertiefen. Er
ist ein treuer Diener seines Vaterlandes und seines Königs, von dieser Gesinnung
hat er sich bei allen seinen Entschließungen leiten lassen.
Ueber die Gründe seines Rücktritts äußert der Gesandte zu einem
Vertreter der „B. Z. a. M.“ u. a.: Die Politik des Herrn Venizelos, sowohl
seine äußere, wie seine innere, widerspricht durchaus meinen Ueberzeugungen.
Diese stimmten und stimmen vollkommen überein mit der Politik des Königs
Konstantin, die nach außen auf die Wahrung der Selbständigkeit und strengen
Neutralität Griechenlands, nach innen auf die stetige wirtschaftliche Gesundung
und Stärkung meines Vaterlandes durch die von der Liebe des Volkes
getragene, streng verfassungsmäßige, aber unantastbar starke Autorität der
rone gerichtet war. Venizelos hat beides erschüttert, in beiden Richtungen
meiner vollen Ueberzeugung nach schwer an den Interessen des griechischen
Volkes gesündigt. Das kann ich nicht mitmachen und vertreten, und daher
weiche ich. Freilich ruht die Macht von Venizelos nicht auf der Neigung
des Volkes, und es ist gar keine Frage, daß er selbst und die ihn stütenden
Ententemächte die Unsicherheit des neuen Regimes erkannt haben, sonst
hätten sie nicht vor dem Einzuge des Herrn Venizelos jedes Plätzchen in
der Hauptstadt und im Lande mit Ententesoldaten besetzt; und über die
Vorgänge auf dem Peloponnes, wo der größte Teil des griechischen Heeres
interniert ist, dringen nur unbestimmte, allerdings merkwürdige Meldungen
uns. Ich gebe mich aber keiner Täuschung darüber hin, daß, wenn es
enizelos gelingt, sich längere Zeit an der Regierung zu halten, er durch
Gewaltmaßregeln seine Macht recht fest begründen kann.
30. Juni. Der hait. Gesandte von Haiti und Elsaß-Lothringen.
Aus Rotterdam wird unterm 24. gemeldet: Der Genfer Korrespondent
der „Daily News“ hatte mit dem aus Berlin zurückgekehrten Gesandten
von Haiti eine Unterredung über die Kriegsziele. Der Gesandte meinte,
daß die deutsche amtliche Meinung in bezug auf Elsaß-Lothringen unerschütterlich
bleibe und in dieser Beziehung die Meinung von ganz Deutschland
wiedergebe. Der Gesandte behauptete indes, in deutschen Handelsund
Finanzkreisen Richtungen bemerkt zu haben, die zu Abmachungen bereit
wären, indem man Frankreich gewisse Teile von Elsaß-Lothringen
anbiete gegen eine Vergütung in Form von Kolonien. Der Gesandte will
weiter wissen, daß alle Deutschen des Krieges überdrüssig seien und der
amtliche deutsche Friedensgedanke laute: Keine Annexionen, keine Vergütungen.
Die deutsche Regierung meine, daß der Status quo ante die einzige
Grundlage zu einem dauerhaften Frieden sei.
Die „Nordd. Allg. Ztg.“ schreibt zu diesen Aeußerungen unterm
30. halbamtlich: Ein Berner Telegraämm teilt mit, daß die Pariser Zensur
den Franzosen Aeußerungen des frügeren hait. Geschäftsträgers in Berlin
vorenthalten hat, die sich mit der Möglichkeit einer Verständigung über
Elsaß-Lothringen beschäftigen. Diesem Vorgehen der franz. Zensur mag
man ein gewisses Stimmungsinteresse beimessen. Im übrigen aber ist es
herzlich gleichgültig, was der hait. Diplomat über die für uns nicht existierende
elsaß-lothringische Prage zu sagen weiß. Die „Kreuzzeitung“ hat ganz recht,
wenn sie betont, daß wir an keinerlei Handel über Elsaß-Lothringen denken.
Zu dem Pessimismus, den ihr die Berner Meldung einflößt, liegt nicht der
mindeste Grund vor.