Full text : Europäischer Geschichtskalender. Achter Jahrgang. 1867. (8)

              Preußen  und  der  norddeutsche  Bund.              157

Laufe  meiner  amtlichen  Function  bethätigt  habe;  aber  dessen  ungeachtet  bedürfen
  wir,  ehe  wir  unsere  Entschließung  fassen,  der  Gewißheit,  daß  wir  nicht
durch  das  Einverständniß  zweier,  anscheinend  streitender  Parteien  in  eine
Bahn  geleitet  werden,  der  zu  folgen  der  Politik  des  eigenen  Landes  nicht
nützlich  sein  würde.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  für  Frankreich,  wenn  man
demselben  die  kriegerischen  Tendenzen  gegen  Deutschland  zumuthet,  an  denen
ich  bisher  zweifle,  der  Vorwand  zu  einem  Kriege  ein  viel  günstigerer  sein
würde,  wenn  Deutschland  genöthigt  werden  könnte,  gegen  das  den  Papst
schützende  Frankreich  mit  einem  Angriffskriege  zu  Gunsten  der  Unabhängigkeit
Italiens  zu  interveniren.  Die  Kriegspartei  in  Frankreich  würde  dadurch  der
Unannehmlichkeit  überhoben,  einzugestehen,  daß  es  die  nationalen  Bestrebungen
Deutschlands  sind,  welchen  man  den  Krieg  erklärt.  Diese  Seite  der  Frage
berührt  ein  Gebiet,  welches  ebenfalls  bei  Erwägung  unserer  Stellung  zur
Sache  einer  klareren  Beleuchtung  bedarf.  Die  katholische  Bevölkerung  Deutschlands
  hat  denselben  Anspruch,  wie  die  evangelische  auf  Berücksichtigung  ihrer
religiösen  Ueberzeugungen.  Diese  Rücksicht  verbietet  einem  Staate  mit  gemischter
  Bevölkerung,  gegen  das  Oberhaupt  der  katholischen  Kirche  in  einer
Weise  vorzugehen,  welche  die  Herzen  der  gläubigen  Katholiken  verletzen  würde.
Eine  der  Vorbedingungen,  um  uns  zum  Einnehmen  einer  festen  Stellung
zur  Sache  zu  befähigen,  würde  daher  die  Vergewisserung  über  die  Frage  sein,
ob  dem  Papstthum,  nach  der  italienischen  oder  der  französischen  oder  der
beiden  Regierungen  gemeinsamen  Auffassung  seiner  Zukunft,  eine  Stellung
bleibt,  welche  auch  von  den  Katholiken  deutscher  Nationalität  in  ihrer  Mehrheit
  als  eine  würdige  anerkannt  werden  würde.  In  dieser  Richtung  scheint
man  sich  auf  keiner  der  betheiligten  Seiten  bisher  ein  deutliches  Bild  der
Zukunft  vorgezeichnet  zu  haben.  Die  Sachlage  ist  hiernach,  wie  Ew.  selbst
es  vorausgesehen  haben,  noch  nicht  dazu  angethan,  Sie  mit  Instructionen  zu
versehen,  durch  welche  die  Regierung  des  Königs  ihre  Entschließungen  definitiv
  regeln  würde.  Wir  müssen  abwarten,  daß  die  anscheinend  miteinander
im  Streit  begriffenen  Kräfte  mit  mehr  Entschiedenheit  ihre  Stellung  nehmen
und  der  bisherige  Wechsel  zwischen  beiderseitigen  Drohungen  und  Nachgiebigkeiten
  zu  einer  fertigen  Situation  übergeht.  Bisher  kenne  ich  die  Tragweite
der  Gegensätze  nicht,  welche  das  Ministerium  Ratazzi  und  das  Cabinet  der
Tullerien  trennen  könnten.  Ew.  werden  mit  mir  darin  einverstanden  sein,
daß  das  italienische  Cabinet,  wenn  es  ihm  um  eine  ernste  Einwirkung  auf
das  hiesige  zu  thun  wäre,  damit  beginnen  würde,  sich  hier  durch  seinen  Gesandten
  vertreten  und  uns  durch  denselben  bestimmte  Eröffnungen  über  seine
Politik  machen  zu  lassen,  nachdem,  wie  Ew.  bekannt,  Graf  Launay  Berlin
verlassen  hat  und  mir  seitdem  amtliche  Mittheilungen  der  italienischen  Gesandtschaft
  nicht  zugegangen  sind.  Die  Natur  dieses  Erlasses  bringt  es  mit  sich,
daß  derselbe  lediglich  bestimmt  ist,  Ew.  behufs  der  von  Ihnen  zu  beobachtenden
  Haltung  zu  orientiren  und  Ihre  Sprache  zu  regeln,  ohne  daß  Sie  aus
demselben  zu  einer  amtlichen  oder  vertraulichen  Mittheilung  Anlaß  zu  nehmen
häkten.  Ihrer  weiteren  Berichterstattung,  wie  eine  rein  beobachtende  Haltung
sie  Ihnen  eingeben  wird,  sehe  ich  mit  Interesse  entgegen.“

(Die  Depesche  wird  von  den  offic.  Blättern  im  Wesentlichen  als

echt  anerkannt,  wenn  auch  in  den  Ausdrücken  nicht  genau.)

1.  Oct.  (Norddeutscher  Bund).  Inpflichtnahme,  beziehungsweise
Vereidigung  der  Truppen  der  norddeutschen  Contingente  für  den
König  von  Preußen.  Die  preuß.  Marine  streicht  ihre  bisherige
Flagge  und  zieht  unter  Salut  die  Bundesflagge  auf.

Eintheilung  der  Armee  des  norddeutschen  Bundes:  Dieselbe
zeigt,  daß  das  norddeutsche  Bundesheer  ganz  nach  den  bisherigen  preußischen
Normen  fornmirt  ist,  und  daß  zu  der  preußlschen  Armee,  außer  den  einzelnen