Full text : Europäischer Geschichtskalender. Chronik und geschichtlicher Überblick der denkwürdigen Jahre 1870 und 1871. Zweiter Band. (11a)

522  Zebersicht  der  Ereignisse  des  Tahres  1871.

wo,  wie  Innocenz  III.  sagt,  Sünde  ist,  kann  Jeden  strafen,  duldet  keine
Appellation  und  ist  souveraine  Willkür,  denn  der  Papst  trägt  nach  dem
Ausdruck  Bonifacius'  des  Achten  alle  Rechte  im  Schrein  seiner  Brust.  Da
er  nun  unfehlbar  geworden  ist,  so  kann  er  durch  das  eine  Wörtchen  „orbi“
(d.  h.  daß  er  sich  an  die  ganze  Kirche  wende)  jede  Satzung,  jede  Lehre,
jede  Forderung  zum  untrüglichen  und  unwidersprechlichen  Glaubenssatze  machen.
Ihm  gegenüber  besteht  kein  Recht,  keine  persönliche  oder  corporative  Freiheit
oder  wie  die  Canonisten  sagen:  das  Tribunal  Gottes  und  des  Papstes  ist
ein  und  dasselbe.“  Diese  Worte  des  gelehrtesten  Kenners  der  Kirchengeschichte
  mögen  die  Auffassung  bestätigen,  die  wir  in  unserer  Jahresübersicht
von  1870  aus  der  Schrift  eines  bewährten  Kanonikers  belegt  haben.  Seine
persönliche  Stellung  zu  dem  Dogma  bezeichnete  Döllinger  in  den  Worten:
„Dieses  System  trägt  seinen  romanischen  Ursprung  an  der  Stirne  und  wird
nie  in  germanischen  Ländern  durchzudringen  vermögen.  Als  Christ,  als
Theologe,  als  Geschichtskundiger,  als  Bürger  kann  ich  diese  Lehre  nicht  annehmen.
  Nicht  als  Christ;  denn  sie  ist  unverträglich  mit  dem  Geiste  des
Evangeliums  und  mit  den  klaren  Aussprüchen  Christi  und  der  Apostel;  sie
will  gerade  das  Imperium  dieser  Welt  aufrichten,  welches  Christus  ablehnte,
will  die  Herrschaft  über  die  Gemeinden,  welche  Petrus  Allen  und  sich  felbst
verbot.  Nicht  als  Theologe,  denn  die  gesammte  echte  Tradition  der  Kirche
steht  ihr  unversöhnlich  entgegen.  Nicht  als  Geschichtskenner  kann  ich  sie  annehmen,
  denn  als  solcher  weiß  ich,  daß  das  beharrliche  Streben,  diese  Theorie
der  Weltherrschaft  zu  verwirklichen,  Europa  Ströme  von  Blut  gekostet,  ganze
Länder  verwirrt  und  heruntergebracht,  den  schönen  organischen  Verfassungsbau
der  älteren  Kirche  zerrüttet  und  die  ärgsten  Mißbräuche  in  der  Kirche  erzeugt,
genährt  und  festgehalten  hat.  Als  Bürger  endlich  muß  ich  sie  von  mir
weisen,  weil  sie  mit  ihren  Ansprüchen  auf  Unterwerfung  der  Staaten  und
Monarchen  und  der  ganzen  politischen  Ordnung  unter  die  päpstliche  Gewalt
und  durch  die  eximirte  Stellung,  welche  sie  für  den  Clerus  fordert,  den
Grund  legt  zu  endloser  verderblicher  Zwietracht  zwischen  Staat  und  Kirche,
zwischen  Geistlichen  und  Laien.  Denn  das  kann  ich  mir  nicht  verbergen,
daß  diese  Lehre,  an  deren  Folgen  das  alte  deutsche  Reich  zu  Grunde  gegangen,
  falls  sie  bei  dem  katholischen  Theil  der  deutschen  Nation  herrschend
würde,  sofort  auch  den  Keim  eines  unheilbaren  Siechthums  in  das  eben  erbaute
  neue  Reich  verpflanzen  würde.“  Zur  authentischen  Widerlegung  Derer,
die  nicht  müde  werden,  mit  eherner  Stirn  zu  behaupten,  die  kirchliche  Unfehlbarkeit
  des  Papstes  habe  mit  dem  Staate  nichts  zu  schaffen,  fügt  er