Full text : Europäischer Geschichtskalender. Chronik und geschichtlicher Überblick der denkwürdigen Jahre 1870 und 1871. Zweiter Band. (11a)

AUebersicht  der  Ereignisse  des  Tahres  1871.  523

dann  noch  eine  der  zahllosen  Stellen  der  Civiltä  Cattolica  hinzu,  die  das
Gegentheil  erweisen,  so  die  vom  18.  März  1871:  „Der  Papst  ist  oberster
Richter  der  bürgerlichen  Gesetze.  In  ihm  laufen  die  beiden  Gewalten,  die
geistliche  und  die  weltliche,  wie  in  ihrer  Spitze  zusammen,  denn  er  ist  der
Stellvertreter  Christi,  welcher  nicht  nur  ewiger  Priester,  sondern  auch  König
der  Könige  und  Herr  der  Herrschenden  ist"  —  „der  Papst  ist  kraft  seiner
hohen  Würde  auf  dem  Gipfel  beider  Gewalten."“

Wir  mußten  diese  Sätze  ganz  hier  wiedergeben,  denn  sie  sprachen
aus,  was  Hunderttausende  dachten  und  empfanden;  sie  faßten  zusammen  die
Entrüstung  des  Verstandes,  den  Aufschrei  des  Gewissens,  die  Empörung  des
nationalen  Gefühls  wider  dies  unerhörte  Attentat  wälschen  Pfaffenthums.
Und  eben  dies  stempelte  die  Kundgebung  vom  28.  März  zu  einem  geschichtlichen
  Ereigniß,  ganz  abgesehen  von  dem  mächtigen  Echo,  das  sie  in
der  bisher  stumm  gehorchenden  katholischen  Welt  geweckt  hat.  Seit  den  Debatten
  im  Reichstag,  seit  dem  Pronunciamento  Döllingers  hatte  die  kirchliche
Frage  ihren  confessionellen  Character  abgestreift,  ihre  Lösung  war  zu  einer
Sache  der  ganzen  Nation  geworden.  Man  erinnerte  sich  jetzt  an  Vorgänge,
die  unter  den  Aufregungen  des  Kriegs,  unter  dem  Festjubel  beim  Heimzug
der  Sieger  der  Aufmerksamkeit  weiterer  Kreise  entgangen  waren.  Der  Abfall
  der  deutschen  Bischöfe  von  der  Opposition,  die  sie  auf  dem  Concil  dem
neuen  Dogma  entgegengesetzt,  ja  ihre  Offensive  gegen  Alle,  die  sich  nicht
so  rasch  umzudenken  vermochten,  war  längst  eine  vollzogene  Thatsache.  Schon
Ende  August  1870  hatten  sie  in  einem  gemeinsamen  Hirtenbrief  von  Fulda
aus  für  dasselbe  Dogma,  dessen  Definition  sie  gerade  ein  Jahr  vorher  gleichfalls
  in  einem  Hirtenbrief  aus  Fulda  ziemlich  unzweideutig  für  undenkbar
erklärt  hatten,  die  widerspruchslose  Unterwerfung  aller  Katholiken  verlangt
und  waren  dann  gegen  die  Proteste  aus  den  katholisch-theologischen  Facultäten
  von  München,  Bonn  und  Breslau  mit  Suspensionen  und  Vorlesungsverboten
  eingeschritten.  In  Bayern  war  mit  offener  Verletzung  des  königlichen
  Placet  das  neue  Dogma  verkündigt  worden,  in  Preußen,  wo  dasselbe
nicht  besteht,  hatte  selbst  das  Ministerium  Mühler  durch  seine  Erlasse  vom
29.  und  30.  Dec.  1870  die  Rechte  der  Staatsgewalt  gegen  die  Uebergriffe
der  Bischöfe  von  Köln  und  Breslau  ausdrücklich  wahren  müssen.  Der  Conflict
  also  zwischen  beiden  Gewalten  war  schon  ausgebrochen,  als  er  seit  Ende
März  und  Anfang  April  parlamentarisch  und  literarisch  auf  die  offene  Bühne
trat  und  seitdem  stand  zweierlei  fest.  Erstens:  die  Centrumsfraction  im
Reichstag  war  die  „Mobilmachung  der  Feinde  des  neuen  Reichs“  unter