Die österreichisch-ungarische Monarchie. 297
schaftlicher Beziehung wichtig sind, angeregt und gefördert und dadurch Arbeit
für fleißige Hände und Verdienst für zahlreiche Gewerbe geschaffen
werde. Ich bin überzeugt, daß die Bestrebungen Meiner Regierung in dieser
Richtung auch bei den Vertretungskörpern und Gemeinden willfähriges
Entgegenkommen und kräftige Mitwirkung finden werden. Mein Ministerium
hat in diesem Sinne wie bisher von Fall zu Fall die geeigneten
Vorkehrungen zu treffen."
8. Febr. (Oesterreich.) Abg.-Haus: Die Arbeiter Wiens richten an
dasselbe eine, wie von allen Seiten auerkannt wird, sehr maßvolle
Petition.
Die Pelition schildert zuerst den unläugbaren Nothstand der Arbeiter in
Folge der eingetretenen und andauernden Krisis und knüpft daran folgende
Begehren: „Wir wollen keine Sonderstellung, keine neuen Privilegien. Mas
wir verlangen, ist die politische Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Die
Herrschaft einer Classe über die andere verursacht große gesellschaftliche Schäden,
und entspricht nicht einem humanen Zeitalter. Wir erstreben deßhalb
das allgemeine, gleiche und directe Wahlrecht für alle Vertretungskörper ohne
beschränkende i* u#eln, und wir hoffen, durch aufklärende und belehrende
Thätigkeit die Bürgschaften für einen günsligen Erfolg desselben zu erringen.
Wir hegen die Ueberzeugung, daß das allgemeine Stimmrecht allein im
Stand ist, ein getreues Bild zu geben von dem thatsächlichen Zustande des
Staates und der Stärke der Parteien. Wir sind der Meinung, daß das
allgemeine Wahlrecht niemals dauernd der fortschreitenden Entwicklung eines
Landes gefährlich ist. Denn so wenig ein Parlament von Männern der
vorgeschrittensten Richtung es vermag, Reformen durchzuführen, für welche
die socialen Voraussehungen, Bedürfniß und Verständniß, sehlen, ebensowenig
könnte eine aus Vrrtretern der finstersten Reaction bestehende Gesetzgebung,
ohne ihre Existenz zu bedrohen, die vorhandenen gesellschaftlichen
Mechtsackouen verletzen. Die in der religiösen Frage schwebenden parlamentarischen
Kämpse, wie die so häufig in esterreich eintretenden unparlamen-=tarischen
Ueberraschungen beweisen zudem, daß gewisse Gefahren ohne das
Walten des allgemeinen Stimmrechtes vielleicht in noch höherem Maße vorhanden
sind. Wenn aber auch der hohe Reichsrath eine so tiefgreifende
Verfassungsänderung, wie sie unsern Grundsäßen entspricht, nicht sofort vornehmen
könnte, so liegt doch kein ernstes Hinderniß vor bis zur Einführung
des allgemeinen Wahlrechts auf Grund der in unsern Petitionen erörkerten
Prineipien die Errichtung von Arbeiterkammern in allen Haudelslammerezirken
vermittelst einer kurzen Gesehnovelle zu votiren. Solche Körperschaften
seien geeignet, bei dem immer größere Dimensionen annehmenden
Muthstand praktische Vorschläge zur Abhilfe zu machen. Alle Wünsche der
rbeiter würden zur — öffentlichen Discussion gelangen, und der
hohe Reichsrath habe über schätzenswerthes Material für die unentbehrlich
gewordene Fabrik-Gesehgebung zu verfügen.“ In zweiter Linie haben wir
die Presse im Auge, deren Be rückung durch den Staat auf ihre Siellung
nicht ohne Einfluß bleiben konnte. Die Erfahrungen der jüngsten Zeit sin
eine ernste Mahnung an die Gesetzgeber: eine auf die politische und sociale
Entwicklung der Echemmtbevolern so großen Einfluß nehmende Institntion
von Fesseln zu befreien, die nur auf Kosten des allgemeinen Wohles
getragen werden Die Arbeiterschaft Oesterreichs hat gewiß mit Beteiedigung
von der Aufhebung der Inseratensteuer Kenntniß genommen. Doch können
wir nicht unterlassen auszusprechen, daß auch die Aufhebung des Zeitungsstempels
ein Gebot der öffentlichen Moral ist. Die auf unreellen Gewinn
und Erpressung abzielenden Journale, welche ein hochgestellter Freund des
Zeitungsstempels gegen dessen Aufhebung auführte, erscheinen bekanntllich
meistens nur in wenigen Exemplaren, und die Erzeuger solcher Druckschrif-