274 51. Kurfürst Max Emanuel am Scheidewege.
ein. Der Waffengang zwischen den beiden Mächten, die seit Generationen die
Welt in zwei feindliche Lager schieden, zog Europa in Mitleidenschaft.
„Zahlte uns die Krone Spanien die in die Niederlande gesteckten Millionen,
wollten wir alsdann wohl wieder den Rückweg nach Bayern finden!“ Diese
Worte eines bayerischen Staatsmannes sind der Ausdruck der ersten Stimmung,
die sich des Kurfürsten von Bayern und seiner Umgebung nach der Katastrophe
vom 6. Februar bemächtigt hatte. Doch diese Resignation, wenn sie überhaupt
jemals ernstlich existiert hat, war und mußte von kurzer Dauer sein.
Bayern in die Mitte zwischen die beiden ringenden Weltmächte gestellt konnte
jetzt ebensowenig wie früher eine wirkliche Neutralität aus eigenen Kräften
aufrechterhalten; Bayern von dem umklammernden Ssterreich in seiner Existenz
stetig beengt durfte nicht mit gefalteten Händen der Mbhglichkeit in das Auge
sehen, daß der durch die Angliederung Ungarns zu einer Großmacht emporgewachsene
habsburgische Nachbar sich neuerdings einseitig stärke; Bayern mußte
im Interesse der eigenen Lebensfähigkeit die Gelegenheit zu einer Mehrung seiner
Macht ebenso benutzen, wie es andere deutsche Reichsstände, wie es Hannover,
Preußen, Sachsen taten. Das konnte nur geschehen in mehr oder minder
offenem Anschluß an eine der beiden ringenden Großmächte. Den Ausschlag
mußte nach den von den Vorfahren, nach den auch von Max Emanuel
gemachten Erfahrungen nicht die Treue gegen das Haus Habsburg, sondern
die größere oder geringere Aussicht auf Gewinn geben.
Seit Dezember 1700 verhandelte ein Vertrauter Max Emanuels, Graf
Monasterol, in Versailles, seit Anfang des Jahres 1701 ein Vertreter Frankreichs
am Hofe des Kurfürsten. Am 9. März 1701 führten diese Verhandlungen
zu einem Vertrage zwischen Bayern und Frankreich. Gegen monatliche Subsidiengelder
von 30000 Talern, gegen Garantierung der zu Gunsten der spanischen
Niederlande verwandten bayer'schen Gelder, gegen Eröffnung von Aussichten
auf Erwerbung der römischen Kaiser= und Königswürde versprach der Kurfürst
Aufrechthaltung einer Frankreich wohlwollenden Neutralität, Aufstellung einer
Observationsarmee von 10000 Mann um den kaiserlichen Völkern den Durchzug
zu verwehren, Werbung der südwestdeutschen Kreise für dieselbe bewaffnete
Neutralität. Der Kurfürst hielt sich daneben den Weg zu einer Verständigung
mit dem Kaiser noch immer offen. Im Frühjahr 1701 machte der Wiener
Hof durch Sendung des Grafen Schlick den ersten Versuch Max Emanuel
zum Anschluß an den Kaiser zu gewinnen. Anfangs Juni 1702 erschien Graf
Schlick zum zweiten Male in Bayern. Er schied mit Worten, die einen günstigen
kaiserlichen Bescheid in kürzester Frist erhoffen ließen.
Damals führte aber auch Frankreich mit dem Vertreter Max Emanuels
in Versailles energische Verhandlungen, um den Kurfürsten über die Neutralität
hinaus zum Waffenbündnis zu bringen. Gerade die Verhandlungen Bayerns
mit Osterreich und die Nähe der militärischen Entscheidung bewirkten, daß
man französischerseits um den letzten Bundesgenossen zu erhalten, immer