Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Die  Oeferreithisqh·  Angarishe  Menarthie.  (November  5.)  255

hier  so  zu  verstehen,  wie  dies  früher  bei  ähnlichen  Gelegenheiten  der  Fall
war,  wo  die  Länder  ebenfalls  frei  gewählt  und  die  Pforte  die  Wahl  zu
bestätigen  hatte,  ohne  daß  der  Regierungsantritt  des  Gewählten  davon  abhängig
  gemacht  worden  wäre.  Der  Berliner  Kongreß  hat  diesen  Artikel
aus  dem  Vertrage  von  San  Stefano  angenommen,  weil  darin  die  freie  Wahl
durch  das  Volk  und  die  Autonomie  Bulgariens  ausgesprochen  ist.  Seine
Intention  war,  Bulgarien  in  den  Sattel  zu  heben,  dann  aber  es  dem
Fürsten  und  dem  Lande  zu  überlassen,  weiter  zu  reiten.  Eine  Beschränkung
der  freien  Wahl  lag  nicht  in  den  Intentionen  des  Kongresses,  und  mehr
als  eine  Art  Kontrasignatur  wollte  derselbe  den  Mächten  nicht  zugestehen.
Allein  selbst  abgesehen  hievon,  wäre  es  logisch  und  politisch  absurd,  ein
Land  schaffen  zu  wollen,  welches,  so  oft  ein  Wechsel  in  der  Person  seines
Fürsten  eintritt,  Europa  beunruhigt  und  eine  Art  Veto  zu  schaffen,  wodurch
jede  Wahl  annulliert  werden  kann.  Auch  er  —  Graf  Andrassy  —  ist  der
Meinung,  daß  die  Zustimmung  aller  Mächte  erforderlich  sei,  jedoch  nicht
kollektiv,  sondern  jede  derselben  gibt  ihre  Meinung  ab,  sobald  ihr  dies  opportun
  erscheint.  Wäre  nicht  diese  Deutung  die  richtige,  so  könne  das,  was
heute  Rußland  thut,  morgen  von  uns,  übermorgen  von  einer  anderen  Macht
bersucht  werden,  was  eine  fortwährende  Gefährdung  des  Friedens  involvieren
müßte.  Wird  jedoch  die  Deutung  acceptiert,  daß  die  Zustimmung  nicht  kollektiv
  abgegeben  wird,  dann  dürfte  jede  Macht  es  sich  wohl  überlegen,  ehe
sie  sich  isoliertt  außerdem  wäre  keine  derselben  genötigt,  ihren  Standpunkt
nachträglich  zu  verleugnen,  und  die  Konsolidierung  Bulgariens  würde  nicht
behindert.  Graf  Kalnoky  habe  gesagt,  der  Prinz  von  Koburg  habe  anfänglich
  versucht,  auf  dem  Boden  des  Berliner  Vertrages  zu  bleiben,  habe  aber,
nachdem  er  die  Zustimmung  der  Mächte  nicht  erwirken  konnte,  ein  illeales
  Terrain  betreten.  Wo  war  denn  eigentlich  das  legale  Terrain  zu
Nach  Ansicht  des  Redners  hätte  die  Pforte  sofort  nach  der

ahl  Ja  oder  Nein  sagen  müssen.  Sie  hat  das  nicht  gethan,  und  dadurch
  ist  ein  circulus  vitiosus  entstanden.  Die  Mächte  glaubten  ihre  Zustimmung
  erst  nach  Bestätigung  seitens  der  Pforte  geben  zu  können;  der
Pforte  aber  konnte  doch  nicht  zugemutet  werden,  sich  zu  engagieren,  so  lange
sie  mit  Bestimmtheit  wußte,  daß  jene  Zustimmung  nicht  erfolgen  werde.
Es  wurde  also  von  dem  Prinzen  von  Koburg  ein  Vorgehen  verlangt,  welches
zu  den  Unmöglichkeiten  gehört.  Graf  Andrassy  richtet  daher  an  den  Minister
  die  Bitte,  derselbe  möge  die  befreundeten  Mächte  zur  Kooperation  heranziehen,
  im  Vereine  mit  diesen  der  Pforte  die  Bestätigung  der  jüngsten  Wahl
empfehlen  und  dem  Berliner  Vertrage  seine  wahre  und  richtige  Deutung
wiedergeben,  wch  das  Hauptgewicht  auf  die  freie  Wahl  der  Bulgaren,
nicht  aber  auf  die  Zustimmung  der  Mächte  zu  legen  sei.  Die  Hauptgefahr
liege  nach  einer  weiteren  Aeußerung  des  Grafen  Kalnoky  im  Westen.  Redner
  wolle  nicht  leugnen,  daß  diese  Gefahr  existiert;  allein  die  Annäherung
zwischen  Rußland  und  Frankreich  sei  doch  ganz  besonders  erst  in  Folge  der
bulgarischen  Frage  in  den  Vordergrund  getreten,  und  wenn  es  schon  nicht
in  unserer  Macht  liegt,  jene  Hauptgefahr  abzuwenden,  so  sei  es  doch  unsere
Aufgabe  und  unsere  Pflicht,  wenigstens  diesen  Anlaß  derselben  zu  beseitigen.
Schließlich  habe  Graf  Kalnoky  gesagt,  er  lege  großes  Gewicht  auf  ein  freundschaftliches
  Verhältnis  zu  Rußland.  Auch  er  (Redner)  teile  diese  Anseicht,
umsomehr,  als  Rußland,  wie  er  fest  überzeugt  sei,  ebensowenig  als  wir  ein
Interesse  am  Kriege  habe,  sowie  er  auch  niemals  ernstlich  an  die  Intervention
  Rußlands,  respektive  eine  militärische  Intervention  in  Bulgarien  geglaubt
  habe.  Allein  eben  im  Interesse  des  guten  Verhältnisses  zu  Rußland
wünsche  er  eine  definitive  Lösung  der  bulgarischen  Frage,  denn  ein  solches
Verhältnis  wird  sich  viel  leichter  herstellen  lassen,  wenn  diese  Frage  gelöst