Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Bie  Gesterreichisch=  Angarische  Monarchie.  (Dezember  6.—8.)  265

Gunsten  der  Beschickung  der  Pariser  Ausstellung  ins  Leben  rufen,
antwortet  Zichy,  die  betreffenden  Schritte  dazu  seien  bereits  gethan.

6.  Dezember.  (Hirten  brief  der  slowenischen  Bischöfe.)
Der  Fürst-Erzbischof  von  Görz  und  die  4  Bischöfe  seiner  Metropolie
erlassen  einen  gemeinsamen  Hirtenbrief,  in  welchem  sie  auf  das
schärfste  gegen  die  Russenschwärmerei  der  Slowenen,  gegen  das  Verlangen
  nach  einer  flawischen  Liturgie  und  gegen  das  Hauptorgan
der  Slowenen,  den  „Slowenski  Narod“,  sich  aussprechen,  welcher  den
Papst  in  einem  Artikel  „einen  Auswurf  der  Menschheit“  genannt
habe.  Zum  Schlusse  des  Hirtenbriefes  heißt  es:

„Hiemit  —  mit  der  entschiedenen  Stellungnahme  auf  österreichisch-staatstreuem
  und  katholischem  Standpunkte  —  glauben  die  gefertigten  Bischöfe  ihrer
Pflicht  jedoch  noch  nicht  in  vollem  Maße  gerecht  geworden  zu  sein;  die  beklagten
  Erscheinungen  und  die  daraus  resultierenden  Gefahren  erheischen  auch
bestimmte  Maßregeln  von  ihnen.  Sie  handeln  daher  ebenso  in  Bewußtsein
der  drückenden  Verantwortung,  die  sie  über  den  Stand  der  kirchlichen  Angelegenheiten
  in  ihren  Diözesen  und  über  die  ihnen  anvertrauten  Seelen  vor
Gott  dereinst  werden  zu  bestehen  haben,  wie  im  eigensten  Interesse  des  Klerus,
  dessen  Gesamtheit  man  so  gerne  für  etwaige  Unbedachtsamkeiten  der  Einzelnen
  verantwortlich  macht,  wenn  sie  den  ihrer  Jurisdiktion  unterstehenden
Priestern  und  Klerikern  alle  eigenmächtige  Neuerung  und  jedwede,  wie  immer
geartete  Beteiligung  an  Agitationen  gegen  die  jetzt  zu  Recht  bestehende  Liturgie
  und  liturgische  Sprache  auf  das  strengste  und  sub  obedientia  canonica
hiemit  verbieten.  Möge  Niemand  einen  Vorwand  zur  Uebertretung  und
Mißachtung  dieses  unseres  Verbotes  etwa  in  dem  Hinweise  auf  anderwärtige
Verhältnisse  suchen,  sondern  wissen,  daß  er  über  sein  diesbezügliches  Verhalten
dereinst  lediglich  nach  Maß  der  von  seinen  kirchlichen  Oberen  erhaltenen
Weisungen  wird  gerichtet  werden."

Schließlich  wird  den  Klerikern  das  Halten  der  eingangs  bezeichneten
Blätter  sowie  das  Mitarbeiten  an  denselben  unter  der  Androhung  kirchlicher
Strafen  verboten.

Der  Schritt  der  Bischöse  wird  von  der  slowenischen  Presse  auf
das  heftigste  angegriffen  und  im  Görzer  Landtage  häll  der  Abg.
Gregorcic,  Professor  am  Priesterseminar,  am  26.  Dezember  eine
leidenschaftliche  Rede  gegen  den  Hirtenbrief.

7.—8.  Dezember.  (Kriegsfrage.)  Das  ungarische  Regierungsblatt
  „Nemzet“  äußert  sich  über  die  Lage:

„Wir  wissen  nicht,  ob  unsere,  aus  bester  Berliner  Quelle  geschöpfte
Nachricht,  als  ob  die  Mächte  wegen  der  russischen  Truppenvorschiebungen  thatsächlich
  schon  eine  Anfrage  nach  Petersburg  gerichtet  haben,  der  Wirklichkeit
entspricht  oder  nur  die  journalistische  Signalisierung  eines  später  zu  unternehmenden
  Schrittes  sei;  aber  als  Thatsache  können  wir  berichten,  daß  die
in  Frage  stehenden  Truppenbewegungen  seit  Wochen  den  Gegenstand  regster
Wachsamkeit  bilden  und  daß  die  leitenden  Faktoren  der  österreichisch-ungarischen
  Diplomatie  keinen  Augenblick  der  Pflichten  vergaßen,  die  ihnen  diese
unsere  Interessen  so  nahe  berührenden  Vorgänge  auferlegten.  Wir  detaillieren
jetzt  nicht,  welche  Bedeutung  es  hätte,  wenn  die  Teilhaber  des  mitteleuro-