Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Januar 11.—14.) 27
tieren. Daraus folgt also, daß die Regierung die ganze Forderung, wie sie
gestellt ist, erhält, und die ganze Differenz zwischen uns und der Regierung
würde lediglich darin liegen, daß die Regierung 7 Jahre verlangt, wir nur 3.
Das heißt nun doch nicht, daß über drei Jahre die ganze Armee oder Stücke
derselben wieder beseitigt werden müssen, sondern nur, daß der Reichstag
über drei Jahre in der Lage sein soll, auch seinerseits zu prüfen, ob nicht
irgend welche Reduktionen möglich sind. Wenn dann die Verhältnisse so
liegen, wie heute, wenn uns dann der Abg. Graf Moltke oder der Herr
Reichskanzler erklärt, daß die Sachen ebenso liegen, wie heute, so bin ich
überzeugt, daß die Bewilligung ebenso erfolgen wird wie heute. Daß der
Reichstag einen gewissen Einfluß auf etwaige Reduktionen haben will, ist nur
natürlich .." Weiter sucht der Redner auszuführen, daß eine zwingende Not-
wendigkeit zur Verstärkung des Heeres in den politischen Verhältnissen nach
den Ausführungen des Kanzlers nicht vorliege; demnach sei ein feindlicher
Ausbruch des russischen Chauvinismus nicht zu fürchten und gegen Frank-
reich allein seien wir stark genug. Vor der Auflösung fürchte er sich nicht
und im Falle das Ausland sich einmal gelüsten lassen wolle in unsere eigenen
Angelegenheiten einzugreifen, würden alle Parteien einig sein. „Ich bitte
aber die verbündeten Regierungen und in erster Linie den Herrn Reichskanzler,
der bewiesen hat, daß er in schweren Momenten Mäßigung bethätigen kann
und zwar eine Mäßigung, die selbstgewonnene Lieblingsideen aufgeben läßt
— ich bitte den Herrn Reichskanzler, nochmals zu überlegen, ob es wohl-
gethan ist, die Bewilligung des ganzen Geforderten in dem Sinne, daß nach
drei Jahren eine weitere Prüfung möglich ist, ohne daß dabei irgend in
Aussicht genommen ist, das jetzt Zugestandene dann nicht wieder zu bewilligen
— diese Bewilligung, sage ich, abzulehnen. Ich könnte die Verantwortlich-
keit nicht tragen; wer sie übernehmen will, mag es thun. Das deutsche Volk
aber soll wissen — ich wiederhole es nochmals: wir haben alles bewilligt,
alles, jeden Mann, jeden Groschen (Lachen rechts; bravo! im Zentrum),
unter der Bedingung, daß wir in drei Jahren wieder prüfen. Das haben wir
gethan, obwohl wir früher vier, dann drei Jahre hatten, obwohl in Oster-
reich, England, Frankreich alle Jahre bewilligt wird — in allen konstitutionellen
Ländern —, und ich glaube, beweisen zu können, daß für die Regierung die
einjährige Budgetperiode auch für den Militäretat das nützlichste und profi-
tabelste sein würde. Diese einjährige Bewilligung würde am sichersten die
Armee parlamentarischer Diskussion entziehen. Das glaubte ich nochmals
sagen zu sollen, und ich wiederhole: jeder von uns muß das noch zehnmal
sagen. Von anderer Seite und noch mehr in der Presse, der offiziösen und
ihrer Gesellschaft wird man alles thun, um das zu verheimlichen.“ (An-
haltender lebhafter Beifall im Zentrum und links, Zischen rechts.)
Fürst Bismarck: „Die Rede des Herrn Vorredners war in der
Hauptsache eine Widerlegung der Behauptung, mit der er sie einleitete,
nämlich der Behauptung, daß er viel zu bescheiden wäre, um sein militäri-
sches Urteil gegenüber dem des Feldmarschall Moltke ins Gewicht zu legen.
Die ganze Rede hat doch eigentlich eine Tragweite nur, wenn angenommen
wird, daß in militärischen Dingen, in der Beurteilung der Frage, ob das,
was Sie bewilligen wollen, der Forderung äquivalent ist, in der Beurteilung
der Frage, was damit zu leisten ist — wenn in diesen Fragen der Abgeord-
nete Windthorst dem Grafen Moltke, wie man sagt, „über“ ist. Wenn das
der Fall ist, ja dann hat das alles Hand und Fuß, was der Herr Abge-
ordnete soeben gesagt hat. Wenn aber das, was ich hier kurz mit „Graf
Moltke“ bezeichne, das heißt die Gesamtheit militärischer Autoritäten, die
für die Vorlage eintreten, wenn die Recht haben, so ist eben die Sicherheit,
die wir suchen, nur in der vollen Vorlage zu finden und nicht in dem, was