Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Ilalien.  (Okltober  25.)  379

des  ersteren  ist  nichts  zu  besorgen,  da  das  italienische  Volk  eins  der  ver—
ständigsten  und  ruhigsten  ist.  Redner  lobt  die  Haltung  der  Bevölkerung
gegenüber  der  im  Süden  aufgetretenen  Cholera  und  gegenüber  den  vatikanischen
  Demonstrationen,  und  spricht  anerkennend  von  der  Armee,  welche  sich
von  der  Politik  fern  hält,  sowie  von  der  Arbeitsamkeit  und  Frugalität  der
arbeitenden  Klassen,  welche  sich  von  den  extremen  Parteien  so  gut  wie  gar
nicht  beeinflussen  lassen.  Er  erkennt  an,  daß  auch  die  Gegner  der  monarchischen
  Verfaffung  stets  bereit  sind,  das  Vaterland  der  Partei  voranzustellen,
wie  Giuseppe  Mazzini  das  Beispiel  geliefert  hat.  Schwierigkeiten  bietet  in
Lnglien.  die  Landfrage;  doch  darf  man  hoffen,  daß  sie  ohne  Schaden  zu
ösen  ist.

Dann  fährt  Redner  fort:  „Somit  komme  ich  zur  Besprechung  der
Politik,  mittelst  welcher  wir  auf  die  Erhaltung  und  Festigung  des  Friedens
abzielen.  Es  ist  ein  Gegenstand,  der  Zartheit  und  Zurückhaltung  auferlegt;
denn  die  auswärtige  Politik  hat  geschicktes  Handeln,  aber  wenig  Worte
nötig.  Indesfsen  bildet  sie  einen  Punkt,  über  den  Sie  eine  offene  Erklärung
von  mir  erwarten.  Ich  werde  unumwunden  und  aufrichtig  reden,  gemäß
den  Grundsätzen  der  modernen  Diplomatie,  welche  die  alten  Kunstgriffe  der
Täuschung  und  Lüge  verschmäht.  Der  Friede!  Er  ist  das  hbchste  Ziel,
das  wir  verfolgen.  Der  Friede,  der  für  unsere  fortschreitende  innere  Entwicklung,
  für  die  Verwirklichung  der  geforderten  Reformen,  für  die  nützliche
und  fruchtbringende  Verwendung  unserer  Einkünfte,  für  die  Durchführung
der  in  einem  großen  Teile  Italiens  noch  fehlenden  öffentlichen  Anlagen  so
notwendig  ist  —  auf  welche  Weise  suchen  wir  ihn  zu  sichern?  —  Wir  sind
Freunde  aller  Mächte;  mit  allen  suchen  wir  die  besten  Beziehungen  zu  unterhalten.
  Unter  ihnen  find  einige,  zu  denen  wir  in  vertrautem  Verhältnis
stehen.  Aber  wenn  wir  auf  dem  Kontinent  mit  den  Zentralmächten  verbündet,
  auf  dem  Meere  mit  England  im  Einvernehmen  find,  so  verfolgen
wir  doch  kein  Ziel,  durch  welches  die  anderen  sich  bedroht  fühlen
dürften.  Meine  neuliche  Reise  nach  Deutschland  hat  die  öffentliche  Meinung
in  Frankreich  beunruhigt.  Glücklicherweise  hat  sie  jedoch  das  Vertrauen  der
dörtigen  Regierung  nicht  umgewandelt,  welche  die  Loyalität  meiner  Gesinnngen
  kennt  und  weiß,  daß  ich  nichts  unternehmen  werde  gegen  das  Nachbarvolk,
  an  welches  Italien  durch  Rassenverwandtschaft  und  Kultur-Ueberlieferungen
  geknüpft  ist  (Lebhafter  Beifall).  Ich  habe  zwei  Jahre  in  Frankreich
gelebt,  von  1856  bis  1858,  und  die  Söhne  dieser  hochherzigen  Nation,  mit
denen  ich  vertraut  geworden  bin  und  denen  ich  mein  Herz  erschlossen  habe,
wissen  sehr  wohl,  wie  ich  ihr  Land  liebe  und  wie  von  mir  niemals  eine
Herausforderung  oder  Beleidigung  ausgehen  wird.  Sie  wissen,  daß  der  glücklichste
  Tag  meines  Lebens  der  sein  würde,  an  welchem  ich  dazu  beitragen
könnte,  den  französischen  Gemütern  den  Frieden  zu  bringen.  Einen  Krieg
zwischen  den  beiden  Ländern  kann  Niemand  wünschen  und  wollen;  denn  der
Sieg  und  die  Niederlage  würden  der  Freiheit  beider  Völker  gleich  verhängnisvoll,
  dem  europäischen  Gleichgewicht  in  demselbem  Maße  verderblich  sein.
In  dieser  Ueberzeugung  und  aus  Berechnung  arbeiten  wir  an  der  Erhaltung
des  Friedens.  (Sehr  gut.)  Unser  Bündnissystem  ist  also  auf  Bewahrung,
nicht  auf  Verletzung,  auf  Ordnung,  nicht  auf  Störung  gerichtet.  Es  fördert
Italien,  aber  es  fördert  auch  die  allgemeinen  Interessen.  Auch  stehen  wir
in  Europa  nicht  allein  da  mit  dem  Wunsche  nach  Fortschritt  in  der  Erhaltung,
  nach  thätiger  Arbeit  im  Frieden.  Die  Geschichte  unserer  Zeit  wird
dominiert  durch  einen  Namen:  den  Namen  eines  Mannes,  dessen  Bewunderung
  bei  mir  eine  alte  ist,  wie  auch  die  persönlichen  Bande,  die  mich  an  ihn
knüpfen,  alte  find;  eines  Mannes,  dessen  Regierungsprogramm  ausgezeichnet
ist  durch  eine  bewundernswerte  Zusammenordnung  der  verschiedenen  Teile