Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  Mitte  —17.)  63

gesetze  in  Kraft,  welche  die  Kirche  mit  Mißtrauen  einengen  und  der  Allgewalt
  des  Staates  ausliefern,  die  segensreiche  Thätigkeit  ihrer  Diener  und
Ordensgenossenschaften  lähmen  und  die  verfassungsmäßigen  Rechte  von  Millionen
  Reichsbürgern,  sogar  das  ursprünglichste  Recht  ans  Vaterland,  das
Heimatsrecht,  verletzen.  Nur  verhängnisvolle  Selbsttäuschung  könnte  zu  der
Meinung  verführen,  als  dürften  die  im  Interesse  der  Kirche  erhobenen  Forderungen
  von  nun  an  aus  dem  politischen  Streite  ausscheiden.  Die  Zentrumsfraktion
  wird  sie  so  lange  erheben,  bis  sie  voll  und  ganz  erfüllt  sind.
Mit  der  Forderung  der  kirchlichen  ist  die  Wahrung  der  bürgerlichen  Freiheit
  unzertrennlich  verbunden.  Das  deutsche  Volk  hat  schwer  genug  unter
der  Herrschaft  des  falschen  Liberalismus  gelitten;  absolutistischen  Regungen
aber,  welche  die  von  früheren  Generationen  mühsam  errungenen  Gerechtsame
der  Volksvertretung  wiederum  den  durch  ungeheure  Machtmittel  verstärkten
Regierungen  auszuliefern  bereit  sind,  wird  es  seiner  überwiegenden  Mehrheit
nach  immer  unzugänglich  bleiben.  Die  Zentrumsfraktion  weiß  sich  frei  von
jedem  Streben  nach  parlamentarischer  Herrschaft,  aber  sie  wird,  wie  sie  es
immer  gethan  hat,  so  auch  in  Zukunft  jedem  Versuche,  die  verfassungsmäßigen
Rechte  des  Volkes  zu  schmälern,  einen  unbeugsamen  Widerstand  entgegenstellen.
  Nicht  minder  wird  die  Aufrechterhaltung  des  geschichtlichen  und  verfassungsmäßigen
  Grundcharakters  des  deutschen  Reiches,  als  eines  Bundesstaates,
  auch  künftighin  unsere  ernsteste  Sorge  sein..  Der  Augenblick
ist  ernst.  Von  dem  Ausfall  der  Wahlen  hängt  nicht  nur  der  Fortgang  der
Gesetzgebung  während  der  nächsten  drei  Jahre,  sondern  die  ganze  Zukunft
unseres  Verfassungslebens  ab.  Gestützt  auf  das  Vertrauen  und  die  Eintracht
ihrer  Wähler  hat  sich  die  Zentrumsfraktion  bei  der  wechselnden  Verschiebung
der  Parteien  als  der  unerschütterte  „feste  Thurm“  erwiesen.  Wir  hoffen
zuversichtlich,  daß  auch  jetzt  unsere  Wähler  zu  uns  stehen,  daß  sie  einen
neuen  glänzenden  Beweis  ihrer  Eintracht,  ihrer  unabhängigen  Gesinnung,
ihrer  Pflichttreue  geben  werden.  Möge  an  dem  Entscheidungstage  kein  zur
Wahl  Berechtigter  an  der  Urne  fehlen.  Gott  und  Vaterland  verlangen  es
von  uns  als  eine  heilige  Pflichterfüllung.  Vorwärts  in  enggeschlossenen,
vollzähligen  Reihen,  vorwärts  in  alter  Tüchtigkeit  zur  Wahl!  Vorwärts
mit  Gott  für  Wahrheit,  Freiheit,  Recht!

Mitte  Januar.  (Katholische  Kirche.)  Es  wird  ein  Schreiben
  des  Kardinal-Staatssekretärs  Jacobini  an  den  Bischof  Kopp
von  Fulda  vom  4.  Dez.  1886  auf  Wunsch  des  Papstes  in  der  kath.
Presse  bekannt  gemacht,  in  welchem  die  Behauptungen,  daß  dieser
an  den  Verhandlungen  zwischen  dem  Vatikan  und  der  preußischen
Regierung  Anteil  gehabt  hätte  oder  noch  habe,  als  Erdichtungen  bezeichnet
  werden  und  seiner  Thätigkeit  „für  die  Freiheit  der  Kirche
und  die  Wiederherstellung  ihrer  Rechte“  das  Lob  des  Papstes  gespendet
  wird.  (St.  A.  Bd.  48.)

17.  Jan.  (Der  Kaiser  zur  Ablehnung  der  Militärvorlage.)
  Beim  Empfange  des  Präsidiums  des  Herrenhauses  äußert
der  Kaiser  über  die  Auflösung  des  Reichstages:

„Es  habe  ihn  als  Deutschen  und  Preußen  sehr  ernst  gestimmt  und
tief  betrübt,  daß  man  die  für  die  Erhaltung  des  Friedens  für  Deutschland
so  wichtige  Vorlage  abgelehnt  habe.  Es  habe  ihn  dies  nach  so  vielen  glücklichen
  Tagen,  die  ihm  in  seinem  hohen  Alter  beschieden  gewesen  seien  und