Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Jan. Mitte —17.) 63
gesetze in Kraft, welche die Kirche mit Mißtrauen einengen und der Allgewalt
des Staates ausliefern, die segensreiche Thätigkeit ihrer Diener und
Ordensgenossenschaften lähmen und die verfassungsmäßigen Rechte von Millionen
Reichsbürgern, sogar das ursprünglichste Recht ans Vaterland, das
Heimatsrecht, verletzen. Nur verhängnisvolle Selbsttäuschung könnte zu der
Meinung verführen, als dürften die im Interesse der Kirche erhobenen Forderungen
von nun an aus dem politischen Streite ausscheiden. Die Zentrumsfraktion
wird sie so lange erheben, bis sie voll und ganz erfüllt sind.
Mit der Forderung der kirchlichen ist die Wahrung der bürgerlichen Freiheit
unzertrennlich verbunden. Das deutsche Volk hat schwer genug unter
der Herrschaft des falschen Liberalismus gelitten; absolutistischen Regungen
aber, welche die von früheren Generationen mühsam errungenen Gerechtsame
der Volksvertretung wiederum den durch ungeheure Machtmittel verstärkten
Regierungen auszuliefern bereit sind, wird es seiner überwiegenden Mehrheit
nach immer unzugänglich bleiben. Die Zentrumsfraktion weiß sich frei von
jedem Streben nach parlamentarischer Herrschaft, aber sie wird, wie sie es
immer gethan hat, so auch in Zukunft jedem Versuche, die verfassungsmäßigen
Rechte des Volkes zu schmälern, einen unbeugsamen Widerstand entgegenstellen.
Nicht minder wird die Aufrechterhaltung des geschichtlichen und verfassungsmäßigen
Grundcharakters des deutschen Reiches, als eines Bundesstaates,
auch künftighin unsere ernsteste Sorge sein.. Der Augenblick
ist ernst. Von dem Ausfall der Wahlen hängt nicht nur der Fortgang der
Gesetzgebung während der nächsten drei Jahre, sondern die ganze Zukunft
unseres Verfassungslebens ab. Gestützt auf das Vertrauen und die Eintracht
ihrer Wähler hat sich die Zentrumsfraktion bei der wechselnden Verschiebung
der Parteien als der unerschütterte „feste Thurm“ erwiesen. Wir hoffen
zuversichtlich, daß auch jetzt unsere Wähler zu uns stehen, daß sie einen
neuen glänzenden Beweis ihrer Eintracht, ihrer unabhängigen Gesinnung,
ihrer Pflichttreue geben werden. Möge an dem Entscheidungstage kein zur
Wahl Berechtigter an der Urne fehlen. Gott und Vaterland verlangen es
von uns als eine heilige Pflichterfüllung. Vorwärts in enggeschlossenen,
vollzähligen Reihen, vorwärts in alter Tüchtigkeit zur Wahl! Vorwärts
mit Gott für Wahrheit, Freiheit, Recht!
Mitte Januar. (Katholische Kirche.) Es wird ein Schreiben
des Kardinal-Staatssekretärs Jacobini an den Bischof Kopp
von Fulda vom 4. Dez. 1886 auf Wunsch des Papstes in der kath.
Presse bekannt gemacht, in welchem die Behauptungen, daß dieser
an den Verhandlungen zwischen dem Vatikan und der preußischen
Regierung Anteil gehabt hätte oder noch habe, als Erdichtungen bezeichnet
werden und seiner Thätigkeit „für die Freiheit der Kirche
und die Wiederherstellung ihrer Rechte“ das Lob des Papstes gespendet
wird. (St. A. Bd. 48.)
17. Jan. (Der Kaiser zur Ablehnung der Militärvorlage.)
Beim Empfange des Präsidiums des Herrenhauses äußert
der Kaiser über die Auflösung des Reichstages:
„Es habe ihn als Deutschen und Preußen sehr ernst gestimmt und
tief betrübt, daß man die für die Erhaltung des Friedens für Deutschland
so wichtige Vorlage abgelehnt habe. Es habe ihn dies nach so vielen glücklichen
Tagen, die ihm in seinem hohen Alter beschieden gewesen seien und