Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Fünfter Jahrgang. 1889. (30)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  2.  Hlfte..—Oktober.)  123

Ueberschrift:  „In  eigener  Sache“  zum  Abdruck  und  schließt  daran
folgende  Erklärung  an:

„Unsere  Stellung  gegen  die  veränderte  Bedeutung  des  Kartells  hatten
wir,  auf  sachliche  Bedenken  uns  gründend,  aus  fester  politischer  Ueberzeugung
  genommen.  Se.  Majestät  der  Kaiser  sieht  nach  den  obigen,  im
Reichs=  und  Staats-Anzeiger  veröffentlichten  Aeußerungen  in  diesem  Kartell
eine,  den  Grundsätzen  Seiner  Regierung  entsprechende  Gestaltung.  Wenn
wir  uns  vor  dieser  Allerhöchsten  Kundgebung  beugen,  so  ist  das  nur  die
Konsequenz  der  gerade  in  jenen  Artikeln  von  uns  vertretenen  Auffassung  des
Royalismus  und  ein  selbstverständlicher  Ausfluß  unserer  steten  und  unwandelbaren
  Achtung  vor  der  Allerhöchsten  Person."“

Der  „Reichsbote“  dagegen  polemisiert  alsbald  gegen  den
„Artikel  des  Reichsanzeigers  über  angebliche  Kundgebungen  Sr.
Majestät“:

„Wir  haben  uns  stets  gegen  diese  Art,  die  Worte  und  Thaten  des
Kaisers  im  Parteiinteresse  auszubeuten,  erklärt,  und  können  deshalb  auch
keine  Freude  über  diese  Kundgebung  des  Staatsanzeigers,  wodurch  man  den
Kaiser  mit  den  Mittelpartei-Bestrebungen  identifiziert,  empfinden.  Dieselben
stehen  auch  nicht  recht  im  Einklang  mit  der  Versicherung,  „daß  keine  Partei
sich  das  Ansehen  geben  dürfe,  das  Ohr  des  Kaisers  zu  besitzen“,  und  überdies
  finden  wir  das  auch  um  deswillen  bedenklich,  weil  ja  doch  immerhin
die  Möglichkeit  gegeben  ist,  daß  das  Kartell  bei  den  Wahlen  eine  Niederlage
  erleiden  könnte.  Dann  wäre  auch  zugleich  die  Person  des  Kaisers  in
dieselbe  verflochten,  und  außerdem  liegt  darin  eine  Provokation,  die  Person
des  Kaisers  in  die  Wahlagitation  hineinzumischen,  welche  schwerlich  ratsam
oder  nach  unserer  Verfassung  wünschenswert  wäre,  und  die  gar  manche
Wähler,  welche  sich  nicht  entschließen  können,  gegen  die  Kaiserliche  Partei
zu  stimmen,  die  es  aber  auch  mit  ihrer  Ueberzeugung  nicht  vereinigen  können,
die  Politik,  wie  sie  in  den  mittelparteilichen  Organen  in  ihrer  Bekämpfung
aller  Bestrebungen  der  konservativen  Partei  zu  tage  tritt,  zu  unterstützen,
veranlassen  möchte,  sich  überhaupt  von  der  Wahl  fern  zu  halten.  Wer  aber
mit  dem  Aufschwung  der  konservativen  Partei  seit  zehn  Jahren  bekannt  ist,
weiß,  daß  derselbe  gerade  von  den  rechtsstehenden  Konservativen  —  in  welchen
  die  Lebenskraft  der  konservativen  Partei  liegt  —  ausgegangen  ist,
deren  Ueberzeugung  aber  auf  politischen  Grundanschauungen  und  Wahrheiten
beruht,  in  denen  sie  sich  durch  Nichts  erschüttern  lassen.  Hätte  sich  der
Artikel  des  Staatsanzeigers  auf  eine  Kritik  der  Artikel  der  Kreuzzeitung
beschränkt,  so  wäre  das  zwar  noch  am  besten  so  geschehen,  daß  die  Person
des  Kaisers  nicht  in  die  Sache  gemischt  worden  wäre,  aber  man  hätte  es
noch  verteidigen  können,  weil  die  Kreuzzeitung  gar  manches  in  ihre  Artikel
eingemischt  hatte,  was  thatsächlich  Bedenken  erregen  konnte  und  dem  auch
wir  nicht  überall  zustimmten;  aber  daß  man  den  Kaiser  und  seine  Regierung
geradezu  identifiziert  und  zwar  nach  ihren  Grundsätzen  mit  einer  Parteigestaltung,
  die  doch  auch  nur  eben  eine  Partei  ist,  und  zwar  eine  vielfach
von  verschiedenen  Seiten  angefochtene,  das  halten  wir  für  bedenklich  und
fürchten,  daß  das  noch  üble  Folgen  haben  kann!“

Am  4.  nimmt  die  „Kreuzzeitung“  von  neuem  das  Wort  in
ihrer  Angelegenheit,  und  erzählt  dabei,

daß  nach  der  Walderseeversammlung  Ende  1887  der  damalige  Vizepräsident
  des  Staatsministeriums,  Herr  von  Puttkamer,  einen  von  ihm  geschriebenen
  Artikel  der  Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung  zur  Aufnahme