Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Februar 7.) 35
ländische Franzosentum, die Welfen und Polen werden nachfolgen. Dazu
kommt, daß sich bisher trotz aller Reformbereitschaft der Regierung und eines
großen Prozentsatzes der Volksvertretung feste, zuverlässige Majoritätsverhältnisse,
welche gleichmäßige Entscheidungen in der Zukunft sicherten, nicht herauszubilden
vermocht haben. Nichts ist bezeichnender für die parlamentarische
Lage als das trotz aller Beschönigungsversuche höchst fragwürdige derzeitige
Verhältnis zwischen Regierung und Konservativen. Die Nationalliberalen
scheinen sich bei aller Konnivenz gegen das neue Régime die Entscheidung
von Fall zu Fall, die von den unberechenbarsten Einwirkungen abhängt,
vorbehalten zu wollen, während das Zentrum in der That Herr der Lage
ist und seine Forderungen ganz nach Belieben stellt und stellen kann, wie die
Sperrgeldervorlage beweist. Diese enthält das Eingeständnis einer Situation,
welche weiter Blickende schon längst als unabwendbar angesehen haben. Endlich
gesellt sich zu der allgemeinen politischen Unsicherheit noch die starke
Depression, die auf Handel, Gewerbe und Unternehmungsgeist lastet. Worauf
diese zurückzuführen ist, soll hier ununtersucht bleiben; hier in Mitteldeutschland
und namentlich auch im Süden schwebt die Antwort darauf auf jedermanns
Lippen. Industrie und Landwirtschaft, zwei Hauptfaktoren des Erwerbslebens,
sind beunruhigt, erstere durch die Behandlung der Arbeiterfrage,
letztere durch die drohende Schmälerung des ihr gewährten Zollschutzes. Die
Rückwirkung der Beklemmung, die auf diesen beiden großen Erwerbsbranchen
lastet, teilt sich naturgemäß dem übrigen wirtschaftlichen Leben mit; das
Gold, soweit es nicht durch das Ausland, namentlich durch Rußland, an
sich gezogen wurde, ist knapp, schwer beweglich und allen Unternehmungen
gegenüber sehr zurückhaltend, während andrerseits die Nachwirkungen der
Streiks und der abnorme Winter das Ihre dazu beitragen, das in allen
Bevölkerungskreisen herrschende Unbehagen zu vergrößern. Das ist die Auffassung
der Lage, wie sie hier gehegt wird. Wie weit sie von der Berliner
abweicht, wissen wir nicht; was wir aber wissen, das ist, daß weiten Kreisen
des deutschen Volkes das Gemüt erleichtert werden würde, wenn bald etwas
geschähe, zius das alte Gefühl der Stärke und des Vertrauens wieder aufeben
ließe."
7. Februar. Die „Hamburger Nachrichten“ bringen über die
Kolonialrede des Reichskanzlers einen Artikel mit der Ueberschrift:
„Fürst Bismarck und der deutsch-englische Vertrag“.
In Anknüpfung an die Aeußerung „England ist für uns wichtiger
als Sansibar und ganz Ost-Afrika“ wird folgendes ausgeführt:
„Es kann sehr wohl kritische Situationen geben, in welchen der Satz,
England sei für uns wichtiger als ganz Ost-Afrika, eine größere Tragweite
in Anspruch nehmen kann, als die einer Randbemerkung, welche den Zweck
hat, übertriebenen oder voreiligen Bestrebungen Schranken zu ziehen. Es
kann auch umgekehrt Lagen geben, in welchen England ein ähnliches Bedürfnis
empfinden könnte, die Freundschaft Deutschlands durch koloniale
Zugeständnisse zu befestigen. Aber es ist notorisch, daß solche kritische Momente,
solche Situationen, in welchen Deutschland etwa zwischen dem Bruche
mit England oder dem Verzichte auf Kolonien hätte wählen müssen, 1890
nicht vorlagen. Unsere Beziehungen zu England waren auch ohne Verzicht
auf Sansibar und Witu so, wie sie längere Zeit hindurch hätten bleiben
können. Nichts drängte derart zum Abschlusse und wir wissen von unseren
Hamburger Mitbürgern, welche mit Sansibar in regem Verkehr stehen, daß
die dort wohnenden Engländer von der ersten Nachricht von dem deutschen
Verzicht überrascht waren und sie für erfunden hielten.
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