132 Jos Veuische Reich und seine einjelnen Glieder. (Sept. Ende—Okt. Anf.)
Ende September. Der bisherige Stellvertreter des Gouverneurs
von Deutsch-Ostafrika, Oberst Freiherr v. Scheele, à la suite
des Kriegsministeriums, wird zum Gouverneur von Deutsch-Ostafrika
ernannt.
1.—8. Oktober. Aufenthalt des Kaisers in Rominten.
Anfang Oktober. (Preußen.) Die Parteien erlassen ihre
Wahlaufrufe für die Landtagswahlen.
Der konservative lautet:
„Wir stehen am Schlusse der ersten fünfjährigen Legislaturperiode
und vor Neuwahlen zum preußischen Landtage. — Die konservative Partei
kann mit Befriedigung auf diesen Abschnitt ihrer politischen Thätigkeit
zurückblicken; denn sie hat unter schwierigen Verhältnissen an den altbewährten,
im Programm vom 8. Dezember 1892 neuerdings festgelegten
konservativen Grundsätzen festgehalten. Diese Grundsätze haben sich als das
Heil des Vaterlandes fördernd wie stets so auch jetzt bewährt.
Die unter Kämpfen durchgesetzte Verlängerung der Legislaturperioden
auf fünf Jahre hat sich als eine dem Lande vorteilhafte Maßregel erwiesen;
denn es wäre unmöglich gewesen, die großen Reformarbeiten auf dem Gebiete
der direkten Steuern mit einem Abgeordnetenhaus von nur dreijähriger
Mandatsdauer einheitlich durchzuführen. — In dieser Reform sind die langjährigen
Forderungen der konservativen Partei: Beseitigung der Grundund
Gebäudesteuer als Staatssteuer, ihre Ueberweisung als Steuerquelle an
die Kommunen, Reform der Einkommensteuer durch Einführung einer richtigen
Einschätzung, zur Ausführung gelangt — damit ist eine erhebliche
Entlastung des durch diese Steuer schwer und ungerecht belasteten Grundbesitzes
— vornehmlich des verschuldeten — erreicht.
Für die nächste Zukunft wird es sich darum handeln, die in der
verflossenen Legislaturperiode geschaffenen großen Organisationsgesetze sich
einleben zu lassen. Unser Verwaltungsapparat ist in den mittleren und
unteren Instanzen derartig angespannt, daß er nicht ferner mit organisatorischen
Gesetzen belastet werden darf, bevor nicht die Steuergesetze und die
Landgemeinde-Ordnung vollkommen zur Gewohnheit geworden sind. — Die
gegen die Stimmen der Konservativen beschlossene Landgemeinde-Ordnung
zeigt in ihrer Ausführung, wie wir vorausgesagt, erhebliche Mängel. —
Es wird notwendig sein, die bei Erlaß der Landgemeinde-Ordnung gemachten
Fehler zu verbessern und die bei Ausführung der Steuergesetze sich
etwa herausstellenden Härten auszugleichen.
Später muß die Gesetzgebung die Organisation des Volksschulwesens
und das in der Verfassung vorgesehene Voltsschulgeset in Angriff nehmen;
denn die Mißstände und Unklarheiten auf dem Gebiete der Schulunterhaltungspflicht
erheischen eine gesetzliche einheitliche Regelung. Indessen besteht
die konservative Partei darauf, daß die äußeren Schulangelegenheiten
von der inneren Ausgestaltung der Volksschule nicht getrennt werden können,
weil die festzuhaltende Grundlage des Christlichen und Konfessionellen notwendig
die äußere Gestaltung der Volksschule beeinflußt.
Die Hauptthätigkeit der nächsten und mancher folgenden Legislaturperioden
wird sich der Erhaltung und Förderung der Mittelklassen unserer
ländlichen und städtischen Bevölkerung zuzuwenden haben. — Diese Mittelklassen,
wesentliche Stützen des Staates und der Monarchie, der Bauernstand
und der Handwerkerstand, find in ihrer wirtschaftlichen Existenz ge-