Das Dentsqhe Reiqh und seine einzelnen Glieder. (Sept. 19.—22./27.) 141
19. September. (Danzig.) Der Kaiser verleiht dem Prinzen
Tschun das Großkreuz des Roten Adlerordens.
22. September. (Bayern.) Versammlung des „Bayerischpatriotischen
Bauernvereins“. — Zolltarif; Reichsgedanke.
Der Verein fordert Erhöhung der Getreidezölle, Erhaltung der
bayerischen Selbständigkeit und eine sparsame Reichsverwaltung. Der
Zentrumsführer Landtagsabg. Daller sagt hierüber: Ich sehe nicht ein,
sagte er, wohin es führen soll, wenn nicht von seiten des Reichs mit Sparen
vorangegangen wird. Wenn man dem Volke so schwere Lasten auferlegt,
so muß man auch seine Wünsche berücksichtigen, uns von seiten Deutschlands
so entgegen kommen, daß man, wenn auch nicht gerne, so doch nicht
mit Erbitterung dabei ist.
22. 27. September. (Lübeck.) Sozialdemokratischer Parteitag.
— Polenfrage; Bernstein; Parteipresse; Budgetbewilligung;
Streikbruch und Schiedsgericht; Zolltarif.
Zum Präsidenten wird Abg. Singer gewählt. — Es wird gegen
scharfen Widerspruch beschlossen, über Presse. Litteratur und Kolportage
in geschlossener Sitzung zu verhandeln. — Sodann wird die Frage diskutiert,
ob die polnische Sozialdemokratie eine besondere Organisation auf nationaler
Grundlage erhalten solle, wie polnische Vertreter wünschen. Die
Versammlung erklärt sich dagegen.
Eine lebhafte Debatte ruft die Bernsteinfrage hervor. Von mehreren
lokalen Vereinigungen ist der Antrag gestellt worden, die schriftstellerische
Thätigkeit Eduard Bernsteins (vgl. 1899) als unsozialdemokratisch zu verurteilen.
Abg. Bebel greift Bernstein scharf an und tadelt, daß der
„Vorwärts“ 6h noch nicht gegen ihn erklärt habe. Eduard Bernstein:
Ihm seien die praktischen Forderungen des Programms die Hauptsache.
Die Sozialdemokratie als die wissenschaftlichste Partei der Welt dürfe vor
theoretischen Erörterungen keine Furcht haben, denn sie schöpfe ihre Kraft
aus dem modernen Zustande der modernen Gesellschaft. In der weiteren
Debatte, in der u. a. Abg. Heine für, Abg. Stadthagen gegen Bernstein
spricht, wird Bernstein namentlich wegen seines Wortes: „Die Bewegung
ist mir alles, das Endziel nichts“ heftig angegriffen. Schließlich
wird folgende Resolution Bebels mit 203 gegen 31 Stimmen angenommen:
Der Parteitag erkennt rückhaltlos die Notwendigkeit der Selbstkritik über
die geistige Fortentwickelung unserer Partei an. Aber die durchaus einseitige
Art, wie der Genosse Bernstein diese Kritik in den letzten Jahren
betrieb, unter Außerachtlassung der Kritik der bürgerlichen Gesellschaft und
ihrer Träger, hat ihn in eine zweideutige Position gebracht, und die Mißstimmung
eines großen Teils der Parteigenossen erregt. In der Erwartung,
daß der Genosse sich dieser Erkenntnis nicht verschließt und danach handelt,
geht der Parteitag über die Anträge zur Tagesordnung über. Ed. Bernstein:
Die Resolution ruhe auf falschen Voraussetzungen und thue ihm in
objektiver Beziehung Unrecht. Da aber damit kein Mißtrauensvotum verbunden
sein solle, wolle er das Votum der Mehrheit der Parteigenossen entgegennehmen
und ihm auch diejenige Achtung und Beachtung entgegentragen,
die ihm gebührt.
In der Debatte über die Parteipresse kritisieren Abg. Fischer und
Heine scharf den rüden Ton, dessen sich viele Genossen, wie Stadthagen,
Rosa Luxemburg, Parvus u. a. bedienten. Es sei vielleicht ein Erbteil
ihrer jüdisch-polnischen Rasse. Andere widersprechen heftig und werfen