Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebzehnter Jahrgang. 1901. (42)

142  Das  Dentsqhhe  Reithh  und  seine  einjeluen  Glieder.  (Sept.  23./25.)

Heine  Antisemitismus  vor.  —  Ueber  Streitigkeiten  unter  Parteigenossen
wegen  Streiks  und  Streikbruchs  wird  folgender  Beschluß  gefaßt:  Der
Parteitag  als  Vertreter  der  in  der  Sozialdemokratie  organisierten  klassenbewußten
  deutschen  Arbeiterschaft  stimmt  mit  den  auf  dem  Boden  des
Klassenkampfes  stehenden  Gewerkschaften,  als  den  wirtschaftlichen  Organisationen
  der  Arbeiterklasse,  überein  in  der  rückhaltlosen  Verurteilung  des
Streikbruchs.  Der  Parteitag  erkennt  auch  an,  daß  die  Gewerkschaften  im
Interesse  ihrer  Selbsterhaltung  und  der  Erfüllung  ihrer  Aufgaben  den
Streikbruch  mit  aller  Energie  bekämpfen  und  ahnden  müssen,  daß  aber  die
Führung  dieses  Kampfes  und  die  Wahl  der  Kampfmittel  in  erster  Linie
den  Gewerkschaften  überlassen  bleiben  muß.  Dagegen  lehnt  der  Parteitag
es  ab,  in  jedem  Streitfall  zu  den  Beschlüssen  der  Gewerkschaften  über  ihre
Organisation  und  Taktik  Stellung  zu  nehmen,  oder  von  solchen  Beschlüssen
oder  dem  Verhalten  der  gewerkschaftlich  organisierten  Parteigenossen  dazu
die  Zugehörigkeit  zur  Gesamtpartei  abhängig  zu  machen.  Der  Parteitag
spricht  die  Ueberzeugung  aus,  daß  die  schiedsrichterlichen  Instanzen  bei
ihrem  Votum  sich  von  der  ehrlichen  Absicht  haben  leiten  lassen,  Recht  zu
finden  und  Recht  zu  sprechen.  Es  wird  rücksichtlich  der  Neuheit  des  Falles
anerkannt,  daß  diesen  Instanzen  aus  ihrem  Votum  ein  Vorwurf  nicht  zu
machen  ist.  Der  Parteitag  muß  es  den  örtlichen  Parteiorganisationen
überlassen,  zu  entscheiden,  mit  welchen  Mitteln  sie  den  Zentralverband  der
Maurer  in  seinem  Vorgehen  gegen  die  Hamburger  Akkordmaurer  unterstützen
  können,  und  namentlich,  inwieweit  sie  ein  Zusammenarbeiten  mit
ihnen  in  ihren  Parteiorganisationen  für  möglich  halten.  (Ein  Hamburger
Streitfall  hatte  die  Debatte  hierüber  veranlaßt.)

In  dem  Bericht  über  die  parlamentarische  Thätigkeit  tadelt  Abg.
Wurm  die  „Sozialistischen  Monatshefte“,  die  immer  mehr  zu  Mauserungsheften
  würden.  Die  Budgetbewilligung  in  den  Einzellandtagen  sei  unbedingt
  verwerflich,  denn  das  böse  Beispiel  stecke  an.  In  einem  Bergwerksrevier
  lehnte  ein  sozialdemokratischer  Kandidat  es  ab,  am  18.  März  eine
Gedächtnisrede  zu  halten;  denn  wenn  er  die  Revolution  verherrliche,  würden
die  indifferenten  Arbeiter  nicht  für  ihn  stimmen.  Das  heißt  doch  die
Mandatsjägerei  aufs  höchste  treiben.  Wir  wollen  den  offenen  Kampf  wie
bisher  treiben,  und  nicht  ein  Lammfell  umlegen.  Abg.  Blos  und  Joos-Gotha:
  Unter  gewissen  Umständen  könne  man  für  das  Budget  der  Einzelstaaten
  stimmen,  um  eine  Verschlechterung  des  Budgets  zu  verhüten.  —
Eine  Resolution  besagt:  Eine  Zustimmung  zu  dem  Budget  kann  nur  ausnahmsweise
  aus  zwingenden,  in  besonderen  Verhältnissen  liegenden  Gründen
gegeben  werden.

Nachdem  Abg.  Bebel  über  den  Zolltarif  gesprochen  und  ausgeführt
hat,  daß  die  Landbevölkerung  zum  größten  Teile  für  die  exorbitanten
Forderungen  der  Agrarier  sei,  wird  eine  scharfe  Resolution  gegen  den  Zolltarifsentwurf
  angenommen:  Der  Entwurf,  wenn  verwirklicht,  bedeutet  den
unerhörtesten  Brot=  und  Lebensmittelwucher,  die  zunehmende  Verarmung
und  Aushungerung  der  arbeitenden  Klassen  und  ihre  Unterjochung  unter
den  Agrar=  und  Industrie-Feudalismus.  Er  bedingt  ferner  mit  Notwendigkeit
  die  Verfeindung  Deutschlands  mit  allen  Kulturnationen  und
seine  wirtschaftliche  und  politische  Isolierung.  Der  Entwurf  ist  mit  einem
Wort  das  volks=  und  kulturfeindlichste  Machwerk,  das  man  einer  zivilisierten
Nation  zumuten  kann;  er  beweist,  daß  seine  Urheber  nicht  nur  die  größten
Feinde  der  Arbeiterklasse,  sondern  auch  die  schlimmsten  Schädiger  der  politischen
  und  wirtschaftlichen  Interessen  Deutschlands  sind.

23./25.  September.  (München.)  Die  Generalversammlung