146 JNas Neutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (September.)
liche Lehrkraft für die Universität werden. Ich freue Mich, den lange
ehegten Wunsch Meiner Elsaß-Lothringer erfüllen zu können und ihnen
sowchl als Meinen katholischen Unterthanen überhaupt bewiesen zu haben,
daß anerkannte wissenschaftliche Tüchtigkeit auf der Basis der Vaterlandsliebe
und der Treue zum Reich immer zu Nutz und Frommen des Vaterlandes
von Mir verwendet wird. Wilhelm I. R.
Die Diskussion geht noch weiter, ein Teil der katholischen Presse,
namentlich die elsässische, bekämpft Spahn scharf als unzuverlässigen Katholiken,
ebenso die römische „Voce della Veritàa“, deren Auslassungen auf
Kardinal Rampolla zurückgeführt werden. Die „Köln. Volksztg.“ und
„Germania“ weisen diese Angriffe entschieden zurück. Anfang November
hören die Angriffe der „Voce della Verita“ auf, nach der „Politischen
Corresp.“ infolge einer energischen deutschen Vorstellung im Vatikan.
Anknüpfend an den Fall Spahn schreibt Prof. Theod. Mommsen
über die Gefahren, die der Forschung drohen: Es geht durch die deutschen
Universitätskreise das Gefühl der Degradierung. Unser Lebensnerv ist die
voraussetzungslose Forschung, diejenige Forschung, die nicht das findet,
was sie nach Zweckerwägungen und Rücksichtnahmen finden soll und finden
möchte, was anderen außerhalb der Wissenschaft liegenden praktischen Zielen
dient, sondern was logisch und historisch dem gewissenhaften Forscher als
das Richtige erscheint, in ein Wort zusammengefaßt: die Wahrhaftigkeit. —
Auf der Wahrhaftigkeit beruht unfre Selbstachtung, unfre Standesehre,
unser Einfluß auf die Jugend. Auf ihr ruht die deutsche Wissenschaft, die
das ihrige beigetragen hat zu der Größe und der Macht des deutschen
Volkes. Wer daran rührt, der führt die Axt gegen den mächtigen Baum,
in dessen Schatten und Schutz wir leben, dessen Früchte die Welt erfreuen.
Ein solcher Axtschlag ist jede Anstellung eines Universitätslehrers, dessen
Forschungsfreiheit Schranken gezogen werden. Abgesehen von den theologischen
Fakultäten ist der Konfessionalismus der Todfeind des Universitätswesens.
Die Berufung eines Historikers oder eines Philosophen, der katholisch
sein muß, oder protestantisch sein muß, und der dieser seiner Konfession
dienstbar sein soll, heißt doch nichts anderes, als den also Berufenen
verpflichten, seiner Arbeit da Grenzen zu setzen, wo die Ergebnisse einem
konfessionellen Dogma unbequem werden könnten, dem protestantischen Historiker
verbieten, das gewaltige Geisteswerk des Papsttums in volles Licht
zu seten, dem katholischen, die tiefen Gedanken und ungeheure Bedeutung
des Ketzertums und des Protestantismus zu würdigen. In dem kläglichen
Armutszeugnis, das die Konfessionen damit sich selbst ausstellen, wenn sie
ihren Anhängern verbieten, Geschichte oder Philosophie bei einem Lehrer
anderer Konfession zu hören, und gegen etwaige Irrlehren das Mittel der
Ohrenverstopfung verordnen, liegt zugleich eine der Allgemeinheit drohende
Gefahr. In seinen Anfängen it der Krebsschaden heilbar; späterhin ist
er es nicht mehr. Möchte jeder junge Mann, den der Universitätsberuf
auf diese schwierigen Gebiete lockt, immer und vor allem dessen eingedenk
bleiben, daß für den echten Erfolg die erste Bedingung der Mut der Wahrhaftigkeit
ist, daß der Fanatiker, der die Wahrheit nicht zu begreifen vermag,
nicht an die Universität gehört, noch weniger aber derjenige, der insoweit
konfessionell ist, als er dabei zugleich ministeriell bleibt. Gewiß
kann auch er als Gelehrter tüchtige Arbeit leisten; aber auf die Selbstachtung
und auf die Achtung seiner Standesgenossen und der für den
Seelenadel feinfühligen Jugend muß er verzichten. Möglichem Mißverständnis
zu begegnen, mag noch hinzugefügt werden, daß hier die Rede ist
lediglich von den prinzipiellen Fragen, ob es gerechtfertigt ist, Universitätsprofessuren,
außerhalb der theologischen Fakultäten, nach konfessionellen