Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Achtzehnter Jahrgang. 1902. (43)

338  Nebersicht  der  volitischen  Entwickelung  des  Jahres  1902.

(S.  176,  235).  Nur  solche  Forderungen  sollten  befriedigt  werden,
deren  Berechtigung  die  venezolanischen  Gerichte  anerkannt  hätten,
und  jeder  diplomatische  Einspruch  sollte  ausgeschlossen  sein.  Bei
der  bekannten  Abhängigkeit  der  venezolanischen  Gerichte  von  dem
jeweiligen  Machthaber  konnten  sich  die  Mächte  hierauf  nicht  einlassen,
  und  sie  entschlossen  sich  nach  längeren  Verhandlungen,  Gewalt
  zu  gebrauchen  und  die  Republik  durch  eine  Blockade  zur
Nachgiebigkeit  zu  zwingen.  Militärische  Schwierigkeiten  waren  dabei
  nicht  zu  überwinden;  die  kleine  Flottille  Venezuelas  konnte  ohne
Blutvergießen  unschädlich  gemacht  werden.  Der  Präsident  der  Republik
  Venezuela,  General  Castro,  der  soeben  einen  Bürgerkrieg
siegreich  beendet  hatte,  nahm  den  Kampf  auf;  er  mag  wohl  gefürchtet
  haben,  daß  ein  Zurückweichen  den  kaum  gedämpften  Aufstand
  abermals  entfesseln  würde,  und  vor  allem  wird  er  auf  den
Beistand  der  Vereinigten  Staaten  gerechnet  haben.  Die  öffentliche
Meinung  in  Nordamerika  sieht  ja  seit  langem  jede  Machtentfaltung
europäischer  Staaten  in  amerikanischen  Gebieten  als  eine  Verletzung
des  amerikanischen  Selbstgefühls  an,  und  die  Regierung  hat  ebenfalls
  gelegentlich  erklärt,  eine  Besitznahme  amerikanischen  Territoriums
  durch  Europäer  nicht  dulden  zu  können.  Um  jede  Verwickelung
  mit  den  Vereinigten  Staaten  zu  vermeiden,  haben  daher
Deutschland  und  England  von  Anfang  an  Erklärungen  über  ihre
Absichten  in  Washington  abgegeben,  und  die  Rechtsverletzung  Castros
war  so  deutlich,  daß  die  amerikanische  Regierung  das  Vorgehen  der
Europäer  gutheißen  mußte.  —  Üüberdies  sind  England  und  Deutschland
  nicht  die  einzigen  Mächte,  die  Beschwerden  gegen  Venezuela
haben;  am  Schluß  des  Jahres  ist  Italien  ihrer  Aktion  beigetreten,
und  Holland  und  Belgien  haben  ebenfalls  Ansprüche  angemeldet.

Von  größerer  Bedeutung  als  diese  Aktion,  die  nur  mit  Rücksicht
  auf  die  Vereinigten  Staaten  internationale  Wichtigkeit  hat,
besitzt  anscheinend  ein  Aufruhr  in  Marokko,  der  seit  dem  November
gefährliche  Dimensionen  angenommen  hat.  Ein  Prophet  stand  gegen
den  Sultan  auf  und  bedrohte  durch  Schürung  des  mohammedanischen
  Fanatismus  die  Europäer;  da  sich  ihm  mächtige  Stämme
anschlossen,  erlangte  er  einige  Vorteile  gegen  die  Truppen  des  Sultans,
und  es  ist  noch  nicht  abzusehen,  ob  es  dem  Sultan  gelingen  wird,