Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1908. (49)

18  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  30.)

regierung  solche  außerordentlichen  Gefahren  vorliegen,  fordern  wir  eine
so  außerordentliche,  eine  so  einschneidende  Maßnahme.  Wir  fordern  sie  für
Ausnahmeverhältnisse  und  als  Ausnahmemaßregel.  Stimmen  Sie  dieser
Vorlage  zu,  so  rütteln  Sie  nicht  an  der  verfassungsmäßigen  Grundlage  des
Privateigentums;  Sie  erteilen  nur  der  Königlichen  Staatsregierung  außerordentliche
  Vollmachten  zur  Ueberwindung  außerordentlicher  Schwierigkeiten,
die  sich  der  auch  von  diesem  hohen  Hause  gebilligten  Ostmarken=  und  Ansiedlungspolitik
  auf  einem  eminent  wichtigen  Gebiete  entgegenstellen.  Die
Königliche  Staatsregierung  ist  auch  bemüht  gewesen,  gegen  einen  zu  weit
gehenden  Gebrauch  der  Enteignung  in  dem  Gesetze  selbst  Kautelen  zu
schaffen.  Wir  haben  vorgeschlagen,  die  Enteignung  zu  beschränken  auf
bestimmte  örtlich  begrenzte  Gebiete.  Das  Haus  der  Abgeordneten  hat  mit
unserer  Zustimmung  die  Gesamtfläche  dieser  Gebiete  in  das  Gesetz  selbst
aufgenommen.  Das  Abgeordnetenhaus  hat  auch  die  Enteignung  beschränkt
auf  solche  Fälle,  wo  zur  Sicherstellung  des  gefährdeten  Deutschtums  die
Abrundung  und  Stärkung  deutscher  Niederlassungen  durch  neue  Ansiedlungen
  geboten  erscheint.  Meine  Herren,  ich  weiß  wohl,  daß  auch  diese
Kautelen  dem  Gesetze  nicht  seine  Härte  nehmen,  ich  weiß  wohl,  daß  sie
nicht  alle  Bedenken  gegen  diese  Vorlage  beseitigen  können.  Die  Angriffe,
die  zum  Teil  maßlosen  Angriffe,  die  gegen  diese  Vorlage  und  gegen  unsere
Ostmarkenpolitik  im  Inlande  und  im  Auslande  gerichtet  worden  sind,  habe
ich  wohl  vorausgesehen.  Sie  durften  mich  in  meiner  Haltung  nicht  irre
machen.  Ich  weiß  mich  frei  von  jedem  Chauvinismus;  ich  weiß  mich
insbesondere  frei  von  jeder  Abneigung  gegen  unsere  polnischen  Mitbürger,
deren  gute  Eigenschaften  ich  vollkommen  anerkenne.  Es  fehlt  mir  auch
nicht  das  Gefühl  für  die  Tragik  der  polnischen  Geschichte.  Aber,  meine
Herren,  vor  mehr  denn  einem  halben  Jahrhundert  hat  es  im  ersten  deutschen
Parlament,  auch  bei  einer  Polendebatte,  ein  deutscher  Patriot,  Wilhelm
Jordan,  gesagt:  Es  ist  etwas  anderes,  menschlich  ergriffen  zu  sein  von
einem  Trauerspiel,  und  etwas  anderes,  dasselbe  rückgängig  zu  machen  auf
Kosten  derjenigen  preußischen  und  deutschen  Interessen,  deren  Pflege  uns
anvertraut  ist,  und  die  allein  die  Richtschnur  unseres  politischen  Handelns
bilden  dürfen.  Wenn  ich  das  wollte,  würde  ich  mich  sträflicher  Schwäche
schuldig  machen.  Die  Lage,  vor  der  Sie  stehen,  Sie,  meine  Herren,  und
ich,  die  Tatsache,  vor  der  wir  beide  stehen,  ist  einfach  diese:  ohne  die
Möglichkeit  der  Enteignung  keine  zweckmäßige  Ansiedlungspolitik,  ohne
Ansiedlungspolitik  verlieren  wir  unsere  östlichen  Marken.  Meine  Herren,
deutsche  Art  und  deutsche  Kultur  zu  erhalten  und  zu  schützen,  ist  seit  Jahrhunderten
  der  hohe  Beruf  von  Brandenburg,  von  Preußen  gewesen.  Ich
zweifle  nicht  daran,  daß  dieses  hohe  Haus,  das  immer  ein  Hort  preußischer
Staatsgesinnung  gewesen  ist,  durch  Annahme  dieser  Vorlage  den  Staat  in
den  Stand  setzen  wird,  seiner  Aufgabe  auch  sernerhin  gerecht  zu  werden,
auf  daß,  wo  deutsche  Väter  soviel  guten  Samen  streuten,  dereinst  auch
deutsche  Enkel  ernten  können.  (Lebhaftes  Bravo!)

Fürst  Radziwill  (Pole):  Ich  bin  beauftragt,  für  meine  Landsleute
heute  nur  eine  kurze  Erklärung  abzugeben;  sie  geht  dahin,  daß  wir  uns
das  materielle  Eingehen  auf  die  Vorlage  aufsparen  wollten,  bis  sie  aus
der  Kommission  zurückkommt,  weil  wir  es  für  überflüssig  und  der  Zeit
des  hohen  Hauses  nicht  angemessen  erachten,  in  doppelter  Auflage  jetzt  und
nach  der  Rückkehr  der  Vorlage  aus  der  Kommission  die  Vorlage  meritorisch
zu  behandeln.  Immerhin  war  es  meine  Aufgabe,  festzustellen,  daß  wir
der  Ueberzeugung  sind,  daß  die  Vorlage  der  Gleichberechtigung  aller
preußischen  Staatsbürger  inbezug  auf  ihre  Rechte  und  Pflichten  vor  dem
Gesetze  widerspricht.  Sie  widerspricht  auch  dem  von  allen  Kulturstaaten