480 Aebersicht über die politische Entwickelung des Jahres 1908.
worden, die Schuldisziplin ist verbessert und die Studenten immer
mehr von politischer Tätigkeit zu wissenschaftlichen Arbeiten zurückgeführt
worden. Der radikalen Agitation sind durch neue Preßund
Versammlungsgesetze Zügel angelegt worden. Mehrere auswärtige
Anleihen zum Bau von Eisenbahnen find abgeschlossen
worden. Der Thronwechsel hat größere Erschütterungen nicht hervorgerufen.
Der neue Regent, Prinz Chun, der Bruder des verstorbenen
Kaisers, der für seinen Sohn Hsuan-Tung auf Anordnung
der verstorbenen Kaiserin die Herrschaft führt, scheint reformfreundlich
gesinnt zu sein wie die Kürzung hoher Gehälterund die Abschaffung
abergläubischer Gebräuche bei Sonnen- und Mondfinsternissen zeigt.
In Japan haben Neuwahlen den Liberalen die Mehrheit
verschafft, aber trotzdem führte der Gegensatz des liberalen Kabinetts
zu der wirtschaftlichen Opposition zum Rücktritt des Ministeriums
und zur Bildung des konservativen Kabinetts Katsura. Es stellt
als sein Programm hin Hebung des Staatskredits und Finanzreform.
Die wirtschaftliche Lage läßt wie in der ganzen Welt zu
wünschen, und die junge Industrie Japans ist wenig widerstandsfähig:
Bankrott und Arbeitseinstellungen waren häufig und führten
zu mancherlei Unruhen. Der Boykott japanischer Waren im Süden
Chinas (S. 445) verschlimmerte die Lage und trübte die politischen
Beziehungen. Im Streit mit Nordamerika und Kanada hat Japan
nicht überall seinen Willen durchgesetzt; beide Staaten haben erreicht,
daß Japan nicht wahllos, sondern erst nach sorgfältiger
Prüfung der Auswanderer Pässe ausstellt. Infolgedessen beginnt
die japanische Auswanderung sich mehr nach dem Süden als dem
Norden Amerikas zu richten. In Korea scheint der Aufstand gegen
Japan gebändigt zu sein; Attentate gegen Marquis Ito und andere
hervorragende Japaner beweisen aber, daß das Volk mit den Zuständen
noch nicht versöhnt ist.
In Persien waren die Wirren zwischen der Verfassungspartei
und dem absolutistischen Schah größer als je. Es ist noch
nicht zu erkennen, welche Partei schließlich siegreich bleiben wird.
England und Rußland haben vorläufig im allgemeinen Neutralität
gewahrt.