364 Das Veensche Reich und seine einzeluen Glieder. (Juni 21.)
von jedem Mitglied des Vereins deutscher Zeitungsverleger, so kann eine
vollständige Uebereinstimmung bestehen.“ (Lebhafter Beifall.)
Aus den Verhandlungen über die Frage des Nachrichtendienstes:
Referent Dr. Diez, Direktor des Wolffschen Bureaus: „Diese Frage geht
uns nur insofern an, ob die deutsche Presse nicht durch besseren Nachrichtendienst
aus dem Auslande wichtige nationale Aufgaben besser als bisher
erfüllen könnte. Die Frage ist ernst und wird um so ernster, je dunkler
der politische Horizont sich gestaltet. Hauptsächlich kommt es darauf an,
als Vertreter der deutschen Zeitungen im Auslande geeignete Männer zu
finden, die die Verhältnisse in den fremden Ländern richtig zu beurteilen
verstehen und die eine genügend lange Lehrzeit gehabt haben, sich in die
schwierigen fremden Verhältnisse einzuarbeiten. Zu beklagen haben die Vertreter
der deutschen Presse im Auslande vor allem die außerordentliche
Zurückhaltung, die unsere Diplomaten ihnen entgegenbringen. (Lebhafte Zustimmung.)
Wenn es der englischen Presse im Auslande gelungen ist, so
wichtige Beziehungen zu erlangen, so liegt das an der besseren sozialen
Stellung der englischen Pressevertreter. Unsere Auslandsvertreter müßten
nach dem Beispiel der englischen Vertreter den ersten gesellschaftlichen Kreisen
gleichstehen. Solche Männer haben wir fast gar nicht im Auslande und
noch weniger solche, die Gelegenheit hatten, sich in jahrzehntelanger Arbeit
in die fremden Verhältnisse einzuarbeiten. Das muß sich ändern, wenn wir
Erfolg haben wollen. Die alte Diplomatenschule, die von der Presse nichts
wissen will, stirbt ja immer mehr ab. Ein wechselseitiges harmonisches Zusammenarbeiten
zwischen der offiziellen Diplomatie und der in der Presse
verkörperten inoffiziellen Macht muß hergestellt werden. Die Beschwerden
über das Reutersche Bureau und dessen die deutschen Interessen schädigenden
Nachrichtendienst sind berechtigt. Diese Beschwerden richten sich viel
mehr gegen den deutschfeindlichen inspirierten Nachrichtendienst der neueren
englischen Blätter. Vom Reuterbureau kann man diese Beschwerden nur
für berechtigt halten, soweit Ostasien in Frage kommt. Da ist der Reuterdienst
allerdings nicht deutschfreundlich. Warum sollte es anders sein?
Warum sollte ein Engländer die Welt anders ansehen als mit englischen
Augen? Wir verlangen ja auch Vvom Deutschen, daß er die Welt mit
deutschen Augen ansieht. (Zustimmung.) Also falsch ist es, dem Reuterbureau
allgemein antideutsche Tendenzen unterzuschieben. (Widerspruch. —
Der Redner wandte sich weiter gegen Vereinbarung eines Austausches der
Telegraphenagenturen und bezweifelte die Möglichkeit, eine deutsche Nachrichtenorganisatian,
die sich über die ganze Welt erstreckt, zu gründen.
Hierzu fehlten die Mittel. Dr. Diez gab dann interessante Aufschlüsse über
die bisherige Organisation des Nachrichtendienstes. Die großen Telegraphenbureaus
stehen im Kartellverhältnis zueinander. Das Wolffsche Telegraphenbureau
produziert den deutschen Nachrichtendienst und kontrolliert den Nachrichtendienst
in den ihm überlassenen Ländern. Die Agence Havas liefert
die Nachrichten aus Frankreich, Spanien und Portugal, Reuter die der
englisch sprechenden Welt. Daneben bestehen noch Telegraphenbureaus in
Petersburg, Wien, Rom usw. Alle diese Bureaus tauschen das Material
mit den verbündeten Agenturen aus. Diese geschäftlich ausgezeichnete Organisation
hat in letzter Zeit vielfach politische Bedenken ausgelöst, weil
es ein unmöglicher Gedanke ist, in kritischen politischen Perioden die Nachrichtenbeschaffung
in ausländischen Händen zu wissen. Aber die großen
Agenturen brauchen die Nachrichten, die sie von den verbündeten Bureaus
erhalten, nicht bloß zu übernehmen. Sie haben am Sitz der verbündeten
Agentur einen Vertreter, der den Stoff kontrolliert und ihm die gewollte
Fassung gibt. Allerdings umfaßt der Nachrichtendienst von Reuter und der