Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreißigster Jahrgang. 1914. Erste Hälfte. (55a)

Das  Denishhe  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  22.)  421

zukürzen.  Um  diese  Abkürzung  zu  erlangen,  ist  es  notwendig  gewesen,  eine
Notverordnung  zu  erlassen,  die  dem  Hause  zugegangen  ist  mit  dem  Ersuchen,
die  verfassungsmäßige  Zustimmung  zu  erteilen.  Ich  brauche  diesem  Gesetzentwurfe
  eine  nähere  Begründung  nicht  beizugeben.  Das  ergibt  sich  für
denjenigen,  der  mit  dem  Enteignungsgesetz  gearbeitet  hat,  von  selbst.
Meine  Herren,  die  Aufgaben,  die  ich  hier  umschrieben  habe,  die  Aufgaben,
für  die  Sie  uns  die  Mittel  bewillen  sollen,  dienen  ja  zunächst  dem  Retablissement
  des  hinter  den  Truppen  kämpfenden  wirtschaftlichen  Lebens.
Aber,  meine  Herren,  die  einstimmige  Bewilligung  dieser  großen  Summe,
die  Inangriffnahme  umfassender  Landesmeliorationen  und  anderer  öffentlichen
  Arbeiten  durch  ein  Land,  das  im  Kriege  begriffen  ist,  bekundet  außerdem
  die  wirtschaftliche  und  militärische  Stärke  dieses  Staates  und  seinen
starken  Willen  zum  Siege.  Und  ich  bin  überzeugt,  meine  Herren,  daß  auch
Sie  diesen  festen  Willen  zum  Siege  bekunden  werden  durch  eine  einstimmige
Annahme  der  Ihnen  zugegangenen  Vorlagen.  Ihre  Bewilligung  der  großen
Kredite  wird  der  ganzen  Welt  zeigen,  daß  wir  entschlossen  sind,  das  Schwert
nicht  aus  der  Hand  zu  legen,  bis  wir  einen  Frieden  erkämpft  haben,  der
ein  dauernder  ist,  der  uns  vor  ähnlichen  Ueberfällen  schützt,  wie  wir  ihn
in  diesem  Sommer  erlebt  haben.  (Lebhafter,  anhaltender  Beifall  des
ganzen  Hauses.)

Die  Vorlage  wird  einstimmig  ohne  Debatte  angenommen.  Darauf
Schlußwort  des  Präsidenten  v.  Wedel:  Noch  nie  ist  das  Herrenhaus  in
so  schwerer  Zeit  zusammengekommen.  Stehen  wir  doch  seit  fast  drei  Monaten
  im  Kriege  mit  drei  mächtigen  Nachbarn.  Meine  Herren,  das  deutsche
Bolk  ist  der  friedfertigsten  eines  auf  Erden.  Es  hatte  keinen  anderen
Wunsch,  als  in  Ruhe  seine  Kultur  und  seinen  Wohlstand  zu  entwickeln.
Es  trachtete  nicht  nach  Eroberungen  oder  nach  Schädigung  seiner  Nachbarn.
Und  Seine  Majestät  unser  allergnädigster  Kaiser  und  König  hat  in  einer
26jährigen  Regierung  den  Beweis  geliefert,  daß  sein  eifrigstes  Bestreben
war,  seinem  Volke  den  Frieden  zu  erhalten.  Allein,  meine  Herren,  es
kann  der  Frömmste  nicht  in  Frieden  leben,  wenn  es  dem  bösen  Nachbar
nicht  gefällt.  Dieses  Wort  Schillers  kennzeichnet  die  Lage  der  deutschen
Nation.  Die  auf  Neid  und  Habsucht  aufgebaute  Politik  Englands  und
Rußlands,  der  sich  Frankreich  nur  zu  gern  anschloß,  um  Vergeltung  zu
üben  für  seine  Niederlagen  1870  71,  hat  den  Frieden  gestört,  hat  uns
diesen  Krieg  aufgezwungen.  Sofort  nach  Ausbruch  des  RKrieges  hat  derselbe
eine  Wirkung  geäußert,  auf  die  wir  nur  mit  Stolz  und  Genugtuung  zurückblicken
  können.  Auf  den  Ruf  unseres  Kaisers  erhob  sich  das  deutsche  Volk
wie  ein  Mann.  Deutschland  war  von  Parteihader  zerrissen,  und  es  gab
wohl  manchen,  der  daran  zweifelte,  ob  das  deutsche  Volk  fähig  sein  würde,
die  Aufgaben  zu  lösen,  die  die  Gründer  des  Reiches  ihm  zurückgelassen
haben.  Das  deutsche  Volk  hat  glänzend  bewiesen,  daß  es  diese  Fähigkeit
besitzt.  Es  hat  allen  Parteihader  von  sich  geworfen.  Es  hat  eingesehen,
daß  es  siegen  muß,  wenn  es  nicht  untergehen  will,  und  es  ist  einmütig
seinem  Kaiser  in  den  Kampf  gefolgt,  bereit,  alles  zu  opfern,  um  den  Sieg
zu  erringen.  Ueberaus  schwer  sind  auch  die  Opfer,  die  wir  gebracht  haben
und  vielleicht  noch  bringen  müssen.  Unser  Herz  blutet,  wenn  wir  an  die
vielen  tapferen  Männer  denken,  die  ihr  Leben  dem  Vaterlande  geopfert
haben  und  vielleicht  noch  opfern  werden,  und  auch  auf  den  Verlust  an
Hab  und  Gut,  den  der  Krieg  zur  Folge  hat,  blicken  wir  nicht  ohne  Sorge.
Aber,  meine  Herren,  großartig  sind  auch  die  Erfolge,  die  wir  schon  errungen
  haben.  Dank  der  Tapferkeit  unserer  Armee  und  Marine  unter
Leitung  unseres  Allerhöchsten  Kriegsherrn  befinden  sich  keine  Feinde  mehr
auf  Deutschlands  Boden,  und  weite  Gebiete  des  Feindes  sind  in  unseren