Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

88  Beuisches  Reich.  (Januar  31.)

schon  jetzt  England,  Frankreich  und  Italien  vor  ernste  Schwierigkeiten.
Wir  haben  die  feste  Hoffnung,  diese  Schwierigkeiten  durch  den  unbeschränkten
  U.Bootkrieg  zur  Unerträglichkeit  zu  steigern.  Auch
die  Kohlenfrage  ist  im  Kriege  eine  Lebensfrage.  Sie  ist  schon  jetzt,  wie
Sie  wissen,  in  Frankreich  und  Italien  kritisch.  Unsere  U.  Boote  werden  Sie
noch  kritischer  machen.  Hinzu  kommt  namentlich  für  England  die  Zufuhr
  von  Erzen  für  die  Munitionsfabrikation  in  weitestem  Sinne  und  von
Holz  für  den  Kohlenbergbau.  Noch  gesteigert  werden  die  Schwierigkeiten
unserer  Feinde  auf  diesen  Gebieten  durch  die  Zunahme  der  feindlichen
Frachtraumnot.  Hier  hat  die  Zeit  und  hat  der  Kreuzerkrieg  der  U-Boote
dem  entscheidenden  Schlag  vorgearbeitet.  Unter  der  Frachtraumnot  leidet
die  Entente  in  allen  ihren  Gliedern.  Sie  macht  sich  für  Italien  und  Frankreich
  nicht  weniger  als  für  England  geltend.

Dürfen  wir  so  jetzt  die  positiven  Vorteile  des  uneingeschränkten  L-Bootkrieges
  sehr  viel  höher  einschätzen  als  im  vorigen  Frühjahr,  so  sind
gleichzeitig  die  Gefahren,  die  uns  aus  dem  U.Bootkrieg  erwachsen,  seit
jener  Zeit  gesunken.  Der  Reichskanzler  erörtert  darauf  eingehend  die  allgemeine
  politische  Lage  und  fährt  fort:  Der  Feldmarschall  Hindenburg
  hat  mir  vor  wenigen  Tagen  die  Lage  wie  folgt  bezeichnet:  Unsere
Front  steht  auf  allen  Seiten  fest.  Wir  haben  überall  die  nötigen.
Reserven.  Die  Stimmung  der  Truppen  ist  gut  und  zuversichtlich.  Die
militärische  Gesamtlage  läßt  es  zu,  alle  Folgen  auf  uns  zu  nehmen,  die
der  uneingeschränkte  U.Bootkrieg  nach  sich  ziehen  könnte.  Und  weil  dieser
U  Bootkrieg  unter  allen  Umständen  ein  Mittel  ist,  um  unsere  Feinde  auf
das  schwerste  zu  schädigen,  muß  er  begonnen  werden.  Admiralstab  und  Hochseeflotte
  sind  der  festen  Ueberzeugung,  einer  Ueberzeugung,  die  in  den  Erfahrungen
  des  U-Bootkreuzerkrieges  ihre  praktische  Stütze  findet,  daß  England
  durch  die  Waffe  zum  Frieden  gebracht  werden  wird.

Unsere  Verbündeten  stimmen  unseren  Ansichten  zu.  Oesterreich-Ungarn
  schließt  sich  unserem  Vorgehen  auch  praktisch  an.  Ebenso  wie  wir
um  England  und  die  Westküste  von  Frankreich  ein  Sperrgebiet  legen,  in
dem  wir  jede  Schiffahrt  nach  den  feindlichen  Ländern  zu  verhindern  trachten
werden,  ebenso  erklärt  Oesterreich-Ungarn  ein  Sperrgebiet  um  Italien.
Allen  neutralen  Ländern  ist  für  den  Verkehr  untereinander  außerhalb  des
Sperrgebietes  freie  Bahn  gelassen.  Amerika  bieten  wir  ebenso,  wie  wir  es
schon  1915  getan  haben,  unter  bestimmten  Modalitäten  gesicherten  Personenverkehr
  auch  mit  den  bestimmten  englischen  Häfen  an.

Darauf  verliest  der  Reichskanzler  die  Note  an  die  Regierung  der
Vereinigten  Staaten  (s.  S.  78  ff.)  und  teilt  mit,  daß  entsprechende  Noten
an  die  übrigen  Neutralen  gerichtet  worden  sind.

Der  Reichkanzler  schließt  mit  folgenden  Worten:  Niemand  unter  uns
wird  vor  dem  Ernst  des  Schrittes,  den  wir  tun,  die  Augen  verschließen.
Daß  es  um  unser  Leben  geht,  weiß  seit  dem  4.  August  1914  jeder.  Und
durch  die  Ablehnung  unseres  Friedensangebotes  ist  dies  Wissen  blutig
unterstrichen.  Als  wir  1914  gegenüber  der  russischen  Generalmobilmachung
zum  Schwerte  greifen  mußten,  da  taten  wir  es  in  dem  Gefühle  tiefster
Verantwortung  gegen  unser  Volk  und  in  dem  Bewußtsein  entschlossener
Kraft,  die  da  spricht:  Wir  müssen,  darum  können  wir  auch.  Unendliche
  Ströme  Blutes  sind  seitdem  geflossen,  aber  das  Müssen  und  Können
haben  sie  nicht  weggewaschen.  Wenn  wir  uns  jetzt  zur  Anwendung
unserer  besten  und  schärfsten  Waffe  entschlossen  haben,  so  leitet  uns
nichts  als  nüchterne  Erwägung  aller  in  Frage  kommenden  Umstände,  nichts
als  der  feste  Wille,  unserem  Volk  herauszuhelfen  aus  der  Not  und  Schmach,
die  ihm  unsere  Feinde  zudenken.  Der  Erfolg  steht  in  höherer  Hand.  Was