Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Dentsqes  Rei.  (Februar  14.  -  17.)  117

gleiche  Wahlrecht  ist  für  Preußen  ungeeignet.  Die  großen  Machtfragen
werden  im  Reiche  entschieden,  da  mag  das  gleiche  Stimmrecht  am  Platze
sein.  Preußen  mit  seinen  Kulturaufgaben  braucht  ein  abgestuftes  Wahlrecht
  nach  dem  wirklichen  Gewicht  der  einzelnen  Stimmen.  Wie  man  die
Abstufung  macht,  hängt  wesentlich  davon  ab,  neiche  Parteien  positiv  an
der  Neuordnung  des  Wahlrechts  mitarbeiten  werden.  Beteiligt  sich  die
kons.  Partei  an  dieser  Arbeit,  dann  wird  es  uns  noch  leichter  sein,  die  nötige
Rücksicht  auf  die  geschichtliche  Eigenart  des  preuß.  Staates  zu  nehmen.
15.  Febr.  —  Abg.  Leinert  (Soz.)  spricht  zunächst  über  Ernährungsfragen.
  In  den  Städten  wird  alles  rationiert,  die  Regierung  aber  macht
Halt  vor  der  Kreisverwaltung.  Gewiß  ist  es  schwer,  in  jedem  Dorf  für
Beachtung  aller  Verordnungen  zu  sorgen.  Das  geschieht  wirksam  nicht
durch  hohe  Geldstrafen  oder  lange  Gefängnisstrafen,  vielmehr  muß  der
Zwang  ausgeübt  werden  durch  Entziehung  des  Rechtes  auf  Hausschlachlungen
  und  ähnlicher  Vorrechte.  In  allen  Städten  müssen  Lebensmittelämter
  errichtet  werden,  die  allen  Kreisen  der  Bevölkerung  Einblick  in  die
noch  vorhandenen  Mengen  gewähren.  Sie  müssen  frei  von  aller  Bürokratie
  sein  und  sich  aus  Angehörigen  aller  Berufe  zusammensetzen.  Jetzt
soll  ja  auch  ein  preuß.  Lebensmitteldiktator  geschaffen  werden.  Solange
dieser  Staatskommissar  keine  Exekutivgewalt  hat,  wird  er  nichts  durchsetzen
können,  zumal  bei  dem  schleppenden  Gang,  in  dem  unsere  Bürokratie
arbeitet.  Den  Sparzwang  für  Jugendliche  halten  wir  direkt  für  ungesetzlich,  denn
nach  der  Reichsgewerbeordnung  muß  der  Lohn  in  bar  ausgezahlt  werden.
Diese  Vorschrift  kann  nur  durch  ein  Reichsgesetz  geändert  werden.  In  der
letzten  Zeit  sind  auch  sozialdemokratische  Stadträte  bestätigt,  und  damit  ist
ein  alies  Unrecht  gut  gemacht  worden.  Aber  mit  der  Bestätigung  des  einen
oder  anderen  Sozialdemokraten  durch  den  jetzigen  Minister  ist  es  nicht  getan.
  Minister  kommen  und  gehen  oder  ändern  auch  ihre  Ansichten.  Uns
genügen  Ministerialerlasse  nicht,  wir  fordern  die  gänzliche  Beseitigung  der
Bestätigung  der  Verwaltungsbeamten.  Solche  Reformen  können  aber  nur
Erfolg  haben,  wenn  von  Grund  aus  eine  Neuorientierung  erfolgt.  Daher
fsordern  wir  auch  für  die  Gemeindewahlen  das  allgemeine,  gleiche,  geheime
  und  direkte  Wahlrecht,  verbunden  mit  der  Verhältniswahl.  Die  Bewegungsfreiheit
  der  Gemeinden  darf  nicht  zu  sehr  beschränkt  werden.  Wir
wollen  nicht  eine  Selbstverwaltung  als  Geschenk  für  politisches  Wohlverhalten,
  sondern  eine  tatsächliche  Selbstverwaltung.  Wenn  alle  Schichten
des  Volkes  an  der  Verwaltung  beteiligt  werden  sollen,  muß  dem  Tüchtigsten
  die  Bahn  frei  gemacht  werden.  Ohne  Heranziehung  der  Arbeiterklasse,
der  Sozialdemokratie  und  der  Gewerkschaften  wäre  die  Durchführung  der
kriegswirtschaftlichen  Maßnahmen  nicht  möglich  gewesen.  Aus  den  Erfahrungen
  des  Krieges  wird  man  hoffentlich  erkennen,  daß  es  in  Friedenszeiten
  das  schlimmste  Unrecht  gewesen  ist,  die  Mitwirkung  der  Arbeiterschaft
  nicht  nur  nicht  gesucht,  sondern  zurückgewiesen  zu  haben.  Der  Minister
hat  sehr  richtig  gesagt,  die  Polizei  könne  nicht  erzieherisch  wirken.  Aber
bisher  hat  sich  die  Polizei  gerade  als  die  große  Volkserzieherin  gefühlt.  Polizeiliche
  Verordnungen  dürfen  sich  nicht  gegen  Staatsbürgerrechte  richten.  Zur
Neuorientierung  gehört  ferner  die  Abschaffung  der  Gesindeordnung,  dieses
schlimmsten  Stück  Mittelalters  in  der  modernen  Zeit.  Freies  Koalitionsrecht
  für  alle  Arbeiter!  Davon  gehen  wir  nicht  ab.  Da  gibt  es  kein  Kompromiß.
  Ueberhaupt  muß  jede  Politik  der  Ausnahmegesetze  auch  gegen
Polen,  Dänen  usw.  verschwinden.  Warum  die  Wahlrechtsfrage  nicht
während  des  Krieges  gelöst  werden  könnte,  verstehe  ich  nicht.  Auf  jeden  Fall
muß  sie  vor  den  nächsten  Wahlen  entschieden  werden.  Unter  diesem  Wahlrecht
  darf  nicht  noch  einmal  gewählt  werden,  das  wäre  eine  Beleidigung