Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Dertsqhes  Reit.  (Februar  14.  -  17.)  119

können  in  die  ausgestreckte  Hand  nicht  einschlagen,  solange  die  Ausnahmegesetze
  in  der  andern  Hand  verborgen  bleiben.

Hierauf  erwidert  Minister  des  Innern  v.  Loebell  u.  a.:  Zu  verschiedenen
  Malen  ist  von  dieser  Stelle  aus  nachdrücklich  erklärt  worden,  daß
die  Regierung  beabsichtigt,  alsbald  nach  dem  Kriege  den  Wünschen  der
preuß.  Staatsbürger  polnischer  Nationalität  nach  Möglichkeit,  soweit  es
die  deutschen  Interessen  zulassen,  entgegen  zukommen.  Diese  Erklärungen
sind  im  Febr.  1915,  im  Jan.  1916  und  endlich  am  20.  Nov.  1916  bei  der
Beratung  des  Antrages  v.  Heydebrand  erfolgt.  (Der  Minister  verliest  diejenige
  vom  20.  Nov.  nochmals  im  Wortlaut.)  Diese  Erklärungen  waren
deutlich  und  konnten  nicht  mißdeutet  werden,  und  sie  konnten  der  polnischen
Fraktion  auch  die  Sicherheit  geben,  daß  die  Regierung  diese  Erklärungen
wahrmachen  werde.  Inzwischen  war  am  5.  Nov.  die  feierliche  Proklamation
der  Absicht  der  Zentralmächte  erschienen.  Und  nach  all  diesen  Vorgängen
hielt  es  Herr  v.  Korfanty  für  angebracht,  am  19.  Jan.  eine  Rede  zu  halten,
die  auf  alle  diejenigen,  die  sie  gehört  haben,  doch  den  Eindruck  einer
Streitrede  ersten  Ranges  machte.  Er  sagte  u.  a.:  Wundern  Sie  sich  aber
nicht,  daß  in  Anbetracht  solcher  Haltung  das  polnische  Volk  von  dem  größten
Mißtrauen  gegenüber  der  Regierung  erfüllt  ist.  Und:  Ich  bin  beauftragt,
diesem  Mißtrauen  einen  energischen  Ausdruck  zu  geben;  also  eine  Kriegserklärung
  in  allerbester  Form.  Einer  solchen  Auffassung  mit  dem  größten
Nachdruck  hier  entgegenzutreten,  war  ich  voll  verpflichtet,  und  ich  übernehme
  dafür  auch  die  volle  Verantwortung.  Ich  habe  damals  schon  gesagt,
  Herr  Korfanty  wäre  nur  der  Vorkämpfer  einer  verhältnismäßig
kleinen  Zahl  von  Stammesgenossen.  In  der  Presse  hat  er  wohl  die  Zustimmung
  in  der  nationaldemokratischen  Richtung  gefunden,  aber  sehr  viele
und  angesehene  andere  polnische  Blätter  haben  seine  Rede  ebenso  verurteilt
wie  wir.  Hätte  Herr  Korfanty  für  sich  allein  gesprochen,  so  hätte  ich  mich
wohl  kaum  zu  der  Antwort  bereit  gefunden,  aber  er  hat  im  Namen  der
Fraktion  gesprochen,  und  da  war  meine  scharfe  Antwort  durchaus  notwendig.
  Auch  der  Vorredner  hat  keine  greifbaren  Beschwerdefälle  vorgebracht.
  Es  ist  bezeichnend,  daß  er  für  seine  Behauptungen  bis  auf  Vorgänge
  aus  den  90er  Jahren  als  Beweise  zurückgreifen  muß.  Er  hat  nur
von  zwei  Beschwerden  gesprochen,  die  er  selbst  vor  einem  oder  zwei  Jahren
an  mein  Ministerium  gerichtet  hat,  aber  auch  diese  nicht  so  bezeichnet,  daß
ich  ihnen  nachgehen  konnte.  Ich  bitte,  daß  er  das  noch  tut.  Im  übrigen
vermisse  ich  jedes  Material.  Die  Beschwerden,  die  Herr  Korfanty  vorbrachte,
  sind  untersucht  worden.  Was  die  Versagung  der  Bauerlaubnis
betrifft,  so  verweise  ich  wiederholt  auf  meinen  Runderlaß  vom  6.  Okt.  1914,
nach  dem  jede  Härte  vermieden  und  eine  durchaus  milde  Praxis  befolgt
werden  sollte.  Dieser  Anweisung  ist  entsprochen  und  diese  milde  Praxis
seitdem  befolgt  worden.  Aber  auch  schon  vor  dem  Kriege  ist  die  Ansiedlungsgenehmigung
  nach  §  13b  schon  recht  häufig  erteilt  worden  (der  Minister
  gibt  die  betr.  Zahlen);:  in  den  Jahren  1915  und  1916  sind  die  Zahlen
noch  höher  als  1914.  Angesichts  dieser  Tatsachen  sind  die  Beschwerden
nach  meiner  Auffassung  haltlos  und  jedenfalls  sehr  übertrieben.  Ich  bin
nach  wie  vor  bereit,  wenn  mir  substantiierte  Beschwerden  vorgebracht  werden,
ihnen  nachzugehen,  aber  so  allgemeine,  wie  sie  Herr  K.  vorgetragen  hat,  weise
ich  zurück.  Die  milde  Praxis,  wie  ich  sie  geschildert  habe,  wird  fortgesetzt.

Abg.  Cassel  (Fortschr.  Vp.):  Alle  Staatsbürger  müssen  gleich  behandelt
werden.  Das  muß  auch  bei  den  Polen  gelten,  selbst  wenn  sie  zur  Regierung
  in  Opposition  stehen.  Die  Ausnahmegesetze  gegen  die  Polen  hätten
schon  während  des  Krieges  abgeschafft  werden  müssen,  jedenfalls  müssen
sie  nach  dem  Kriege  sofort  fallen.  Die  Landbevölkerung  hat  leider  vielfach