Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

528  Jenisqts  Reiq.  (Mai  9.)

hat  an  der  Wiege  der  deutschen  Kolonialpolitik  Pate  gestanden,  sondern
volks-  und  wirtschaftliche  und  ideale  Gedanken.  Es  hat  sogar  eine  Zeit
gegeben,  wo  selbst  England  in  einem  großen  Kolonialbesitz  Deutschlands
die  beste  Gewähr  für  einen  dauernden  Frieden  sah.  Meine  politischen
Freunde  sind  jedenfalls  durchaus  dieser  Meinung.  Auch  in  bezug  auf  die
Kolonien  erwarten  wir  einen  starken  und  einen  deutschen  Frieden  in  dem
Sinne,  daß  er  auch  ein  dauernder  sein  möge.  Dazu  gehört  eine  erweiterte
Machtstellung  unseres  Vaterlandes  in  Europa.  Z„

Abg.  v.  Böhlendorff--Kölpin  (Kons.):  Daß  sich  unsere  Schutztruppen
in  Ostafrika  33  Monate  gehalten  haben,  ist  eine  Heldentat,  die  gar  nicht
dankbar  genug  anerkannt  werden  kann.  Aber  auch  die  Marine  hat  hier,
indem  sie  mit  zwei  Schiffen  die  Versorgung  der  Truppen  ermöglichte,  ein
wahres  Kunststück  fertig  gebracht,  für  das  ihr  ebenfalls  der  größte  Dank  gebührt.

Abg.  Waldstein  (Fortschr.  Vp.):  In  der  Entschädigungsfrage  schließen
wir  uns  den  Ausführungen  des  Abg.  Thoma  an.  Selbstverständlich  müssen
die  Kolonialdeutschen  ebenso  behandelt  werden  wie  die  Reichsdeutschen  bezüglich
  der  Vermögensfrage.  Es  war  nicht  ganz  zwecklos,  wenn  der  Abg.
Noske  sagte,  die  Integrität  des  Deutschen  Reiches  sei  zu  verstehen  unter
Einschluß  der  Kolonien.  Auch  darin  stimme  ich  ihm  zu,  daß  diese  Frage
uns  eine  Lehre  gebracht  hat  in  bezug  auf  die  Eingeborenenpolitik.  Nickt
Machtpolitik,  sondern  Kultur-  und  Wirtschaftspolitik  muß  getrieben  werden.
Die  *7  Art,  wie  unsere  Feinde  Kolonialpolitik  treiben,  läßt  uns  allerdings
  fast  an  einer  Kulturpolitik  verzweifeln.

Abg.  Schwarze-Lippstadt  (Ztr.):  Ueber  die  Kolonien  wird  nicht  an
Ort  und  Stelle,  sondern  in  Europa  entschieden.  Unsere  Feldgrauen  werden
dafür  sorgen,  daß  wir  die  Kolonien  wieder  erhalten.

Abg.  Henke  (Soz.  Arb.):  Unsere  Gründe  gegen  den  Kolonialbesitz  sind
durch  den  Krieg  noch  verstärkt  worden,  und  sie  werden  nach  dem  Kriege
dieselben  sein.  Daß  der  Kolonialbesitz  für  Deutschland  keine  wirtschaftliche
Notwendigkeit  ist,  wissen  unsere  Arbeiter,  und  sie  werden  sich  durch  die
imperialistischen  Kolonialpolitiker  nicht  einfangen  lassen.  An  der  Wiege  der
deutschen  Kolonialpolitik  haben  nicht  ideale  Interessen  Pate  gestanden,  sondern
  die  nacktesten  kapitalistischen  Interessen.  Der  Kolonialbesitz  ist  ein
Ballast  für  Deutschland.

Staatssekretär  des  Reichskolonialamts  Dr.  Solf:  Auch  ich  bedauere
mit  dem  Referenten,  daß  die  Verhältnisse  in  den  Schutzgebieten  es  ermöglicht
  haben,  daß  wir  diesen  Etat  so  schnell  verabschieden  können.  Auch  ich
schöpfe  aus  den  Tatsachen  dieselbe  Hoffnung  wie  die  Vorredner.  Die  Erfahrungen
  der  Kolonialverwaltung  geben  ihr  trotz  des  Mißgeschicks  in  den
Kolonien  gute  und  frohe  Zuoersicht  für  die  Zukunft.  Ich  danke  den  Herren
Vorrednern  für  die  anerkennenden  Worte,  die  sie  für  die  heldenmütigen
Leistungen  unserer  Schutztruppen,  insonderheit  in  Ostafrika,  gefunden  haben.
Sie  können  sicher  sein,  daß  sich  die  Regierung  Ihren  Gefühlen  durchaus
anschließt.  Ich  danke  auch  für  die  Wärme,  mit  der  die  Vorredner  für  die
geschädigten  Kolonialdeutschen  eingetreten  sind.  Die  Regierung  wird  die

eschädigten  Kolonialdeutschen  nicht  im  Stiche  lassen.  Wenn  ich  das  auspreche,
  bin  ich  der  Zustimmung  des  gesamten  Reichstages  sicher.  Wenn
ich  mich  nun  mit  dem  Abg.  für  Bremen  ausseinandersetzen  soll,  so  weiß
ich  nicht,  ob  das  einen  Zweck  hat.  Ich  habe  vor  dem  Kriege  drei  Jahre
lang  versucht,  mich  mit  dem  Abg.  Henke  über  koloniale  Angelegenheiten  zu
unterhalten.  Ich  habe  ihm  entgegengehalten,  es  werde  die  Zeit  kommen,
und  zwar  sehr  bald,  wo  die  Sozialdemokratie,  die  damals  noch  ein  Ganzes
bildete,  sich  der  Kolonialpolitik  zuwenden  und  sie  mitmachen  werde.  Daß
ich  damals  nicht  falsch  gesehen,  habe  ich  aus  der  Rede  des  Abg.  Noske  heute