Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Ventsches  Reich.  (Mai  15.—16.)  583

die  auswärtige  Politik  soll  nach  dem  Verfassungsausschuß  künftighin  geheim
gehalten  werden,  und  das  in  einem  Augenblicke,  wo  im  gesamtem  Auslande
die  Oeffentlichkeit  proklamiert  wird.  Es  soll  also  künftig  zu  der  Geheimdiplomatie
  noch  die  Dunkelkammer  des  Reichstags  hinzutreten.  Jenem  Beschluß
  ist  merkwürdigerweise  auch  die  soz.  Partei  beigetreten.  Die  Beschlüsse
des  Ausschusses  über  die  Wahlkreiseinteilung  lassen  die  Ungerechtigkeit  gegenüber
  den  großen  Städten  und  unserer  Partei  unangetastet.  Die  große  Masse
muß  nach  dem  Rechten  selbst  sehen,  sonst  kommt  sie  vom  Regen  in  die
Traufe.  Der  Abg.  Schiffer  will  die  Frage  des  preuß.  Wahlrechts  dem  Abgeordnetenhause
  überlassen.  Wie  denkt  der  Reichskanzler  darüber?  Die
Kaiserliche  Botschaft  spricht  sich  darüber  unklar  aus.  Was  sie  verheißt,
ist  selbstverständlich,  worauf  es  aber  ankommt,  verschweigt  sie.  Die  Arbeiter
verlangen  die  Inangriffnahme  der  Reform  sofort,  nicht  erst  nach  dem  Kriege.
Die  Unzufriedenheit  des  Volkes  steigt  wegen  der  Polizeiherrschaft  und
Militärdiktatur.  Andere  Kreise  ballen  die  Faust  in  der  Tasche,  bei  den
Massen  tritt  der  Groll  offen  zutage.  Das  Parlament  muß  ganze  Arbeit
schaffen,  dann  wird  das  Volk  Regierung  und  Parlament  vorwärts  treiben
zur  Gewährung  der  Rechte,  auf  die  es  längst  einen  Anspruch  hat.

Abg.  Kreth  (Kons.):  Das  Ausland  hat  keinen  Anlaß,  sich  über  die
Aecußerungen  und  die  Haltung  der  Soz.  Arb.  aufzuregen.  Wenn  deren  Ziele
erreicht  werden,  dann  können  unsere  Feinde  ihre  Waffen  befriedigt  aus  der
Hand  legen,  dann  kommt  die  Zersetzung  des  Deutschen  Reichs  ganz  von
selbst.  Es  ist  doch  vor  aller  Welt  klar  geworden,  daß  unser  Kaiser  bis  zum
letzten  Augenblicke,  nach  vieler  Meinung  viel  zu  lange,  mit  der  Kriegserklärung
  zögerte.  In  Italien  und  Rumänien  und  anderen  demokratischen
Ländern  hat  aber  die  Straße  den  Krieg  erzwungen.  Wenn  das  die  Früchte
der  Demokratie  sind,  dann  danken  wir  dafür.  In  diesen  Ländern  regiert
der  Geldsack,  die  Korruption  und  Bestechlichkeit.  Dort  ist  allerdings  die
Parlamentsherrschaft  ein  äußerst  einträgliches  Geschäft.  (Großer  Lärm  l.,
Glocke  des  Präsidenten.)  Wir  waren  die  einzigen,  die  den  Beschlüssen  des
Verfassungsausschusses  nicht  zugestimmt  hatten.  Die  bisherige  Aussprache
  hat  gezeigt,  daß  man  dasselbe  Instrument  auf  verschiedene  Weise
spielen  kann.  Der  Abg.  Naumann  sieht  darin  den  Anfang  für  das  parlamentarische
  System.  Nach  den  Abgg.  Gröber  und  Schiffer  handelt  es  sich
nur  um  Kleinigkeiten.  Danach  sind  es  alles  olle  Kamellen.  Aber  damit  ist
der  Sache  nicht  gedient.  Es  wird  das  Ernennungsrecht  für  die  Offiziere,
die  Verantwortlichkeit  des  Kanzlers  und  die  Heraushebung  der  Staatssekretäre
  über  die  Bundesratsmitglieder  gefordert.  Das  geschieht  doch  nicht
allein  aus  einem  Schönheitsbedürfnis  heraus.  Wie  Herr  Landsberg  betonte,
werden  dann  die  Parteien  die  Verantwortung  für  ihre  Leute  tragen.  Man
glaubt  also,  die  unfähigen  Leute  der  jetzigen  Bürokratie  werden  den  tüchtigsten
Parteimännern  Platz  machen.  Aber  stellt  man  sich  auf  den  rauhen  Ton  der
Wirklichkeit,  dann  sieht  die  Sache  doch  anders  aus.  Wenn  man  sich  einigen
könnte,  dann  würde  man  keinen  Augenblick  zögern,  einen  solchen  Mann
zur  Führung  der  Geschäfte  zu  berufen.  Aber  wir  haben  es  mit  Parteien
zu  tun.  Und  gerade  die  Verhandlungen  des  Ausschusses  zeigten,  daß  dort
keine  große  Einsicht  über  die  wirkliche  Lage  der  Dinge  geherrscht  hat.  Das
ist  das  Unglück  bei  diesen  Theorien  von  der  parlamentarischen  Regierung,
daß  die  Schwierigkeiten  sofort  auftauchen,  wenn  es  sich  um  die  praktische
Gestaltung  dieser  Frage  handelt.  Der  König  von  Preußen  trat  der  Militärkonvention
  unter  der  Voraussetzung  bei,  daß  er  bei  der  Ernennung  der
Offiziere  völlig  unbeschränkt  ist.  Die  Herren  übersehen  oder  wollen  es  nicht
anerkennen,  daß  es  ein  Unterschied  ist,  ob  jemand  die  etatsmäßige  Verantwortung
  übernimmt  oder  ob  der  Reichstag  über  den  Weg  der  Verant-