Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Veutsches  Reich.  (Januar  16.)  35

deutsche  Wörter  ersetzt  worden  ist.  Innerlich  nähert  sich  der  Haushaltsplan
viel  mehr  der  Wirklichkeit  als  seine  beiden  Vorgänger,  obschon  dies  natürlich
nicht  überall  der  Fall  sein  kann.  Die  Erträgnisse  an  Einkommen=  und
Ergänzungssteuern  werden  im  nächsten  Jahre  voraussichtlich  nicht  geringer
  sein  als  in  diesem  Jahre.  Die  große  Teuerung  hat  bei  sehr  vielen
Personen  auch  eine  Erhöhung  ihres  Einkommens  zur  Folge  und  die  Gewinne,
  die  an  zahlreichen  Stellen  gemacht  werden,  werden  nicht  hinter
dem  Vorjahre  zurückstehen.  Die  Kapitalabführungen  an  das  Reich  werden
eine  Verringerung  des  Einkommens  und  des  Vermögens  zur  Folge  haben
und  das  Aufkommen  der  preußischen  Einkommen--  und  Ergänzungssteuer
mindern.  Darauf  müssen  wir  uns  gefaßt  machen.  In  diesem  Jahre  ist
dies  aber  nicht  zu  besorgen,  da  die  an  das  Reich  zu  zahlenden  Steuern,
auch  soweit  sie  im  Jahre  1917  fällig  werden,  nicht  im  voraus  vom  Einkommen
  und  Vermögen  abgezogen  werden  dürfen.  100  Mill.  des  Aufkommens
  der  direkten  Steuern  für  1917  werden  in  Gemäßheit  des  im
vorigen  Jahre  erlassenen  Gesetzes  zur  Tilgung  des  Fehlbetrages  der  Rechnung
  des  Jahres  1915  verwandt  werden.  Bei  unseren  andern  Einnahmequellen
  liegen  die  Aussichten  nicht  so  günstig.  Sie  lassen  keine
Aufwärtsbewegung  erwarten.  Die  Einnahmen  aus  den  Zöllen  und  indirekten
  Steuern  und  den  Gerichtskosten  werden  nach  wie  vor  tief  unter
dem  Friedensstande  bleiben.  Die  Einnahmen  aus  der  Bergverwaltung  und
den  Domänen  und  Forsten  lassen  ebenfalls  keine  wesentlichen  Erhöhungen
erwarten.  Alle  diese  Umstände  nötigten  dazu,  die  Einnahmen  doch  mehr
der  Wirklichkeit  entsprechend  in  den  Voranschlag  einzustellen,  als  es  in  den
Vorjahren  möglich  war.  Es  sind  daher  sowohl  die  zu  erwartenden  höheren
Einnahmen  aus  der  Einkommen=  und  Ergänzungssteuer  wie  die  gleichfalls
zu  erwartenden  geringeren  Einnahmen  aus  den  Zöllen,  indirekten  Steuern
und  Gerichtskosten  nach  ihrem  voraussichtlichen  Aufkommen  und  nicht  mehr
die  früheren  Friedenssätze  in  den  Haushaltsplan  ausgenommen  worden.
In  gleicher  Weise  ist  bei  den  Ausgaben  verfahren.  Die  Kriegsbeihilfen
  für  die  Beamten  und  Lohnangestellten  erscheinen  nicht  im  Haushaltsplan,
  da  sie  einer  ständigen  Berichtigung  bedürfen  und  jedesmal,  wenn
es  nottut,  erhöht  werden;  sie  werden  außerplanmäßig  verrechnet.  Die
Unterstützungsfonds  sind  im  Haushaltsplan  ausgebracht.  Sie  bedürfen  im
allgemeinen  keiner  Erhöhung,  da  durch  die  großen  Einziehungen  zum
Heeresdienst  die  Zahl  der  auf  sie  angewiesenen  Personen  sich  ständig  vermindert
  hat.  Dagegen  ist  der  im  vorigen  Jahre  beim  Finanzministerium
zum  ersten  Male  ausgebrachte  außerordentliche  Zuschußfonds  zu  den  Fonds
aller  Verwaltungen  für  die  Unterstützungen  an  ausgeschiedene  Beamte,
Lehrkräfte,  staatliche  Lohnangestellte  und  deren  Hinterbliebene  von  1½/  Mill.
mit  Rücksicht  auf  die  große  Teuerung  um  weitere  1½  Mill.  verstärkt  worden.
Er  hat  also  eine  Verdoppelung  erfahren.  Auf  allen  übrigen  Gebieten  der
Staatsverwaltung  ist,  dem  Ernste  der  Lage  entsprechend,  die  äußerste
Zurückhaltung  bei  den  Ausgaben  beobachtet.  Bei  der  Eisenbahnverwaltung
ließ  sich  die  Schaffung  neuer  Beamtenstellen  nicht  mehr  hinausschieben.
Sie  ist  dort  sogar  in  einem  sehr  großen  Umfang  vorgesehen.  Ferner  sind
auch  die  Extraordinarien  sämtlicher  Verwaltungszweige  mit  Ausnahme  des
Haushaltsplans  der  Eisenbahnen  wiederum  sehr  stark  beschnitten.  Auch  nach
dem  Kriege  wird  es  im  großen  und  ganzen  hierbei  sein  Bewenden  behalten
  müssen.  Die  öffentlichen  Lasten  werden  dann  so  stark  auf  den
einzelnen  drücken,  daß  es  ausgeschlossen  ist,  unser  Extraordinarium  wieder
so  reichlich  auszustatten,  wie  wir  es  vor  dem  Kriege  gewohnt  waren.  Es
ist  ohne  weiteres  erklärlich  und  nach  der  Lage  der  Verhältnisse  unvermeidlich,
  daß  unsere  Staatsschulden  während  des  Krieges  ständig  zunehmen.

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