Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

676  Heuisches  Neit.  (Juli  6.—10.)

kommission  des  Reichstags  hat  der  Abg.  Erzberger  eine  Aktion  unternommen
mit  dem  Ziele,  den  Reichstag  zu  einer  Kriegszielerklärung  zu  veranlassen.
  Dieselbe  ist-gedacht  als  erneutes  Bekenutnis  zu  dem  Kriegsprogramm
vom  4.  Aug.  1914,  daß  uns  nicht  Eroberungssucht  zu  diesem  Kriege  treibt,
sondern  daß  das  deutsche  Volk  nur  zu  den  Waffen  gegriffen  hat  zur  Verteidigung
  seiner  Freiheit  und  Selbständigkeit  und  zur  Wahrung  des  territorialen
  Besitzstandes  seines  Landes.  Es  soll  ferner  in  dieser  Erklärung
zum  Ausdruck  kommen,  daß  das  deutsche  Volk  zu  einem  Verständigungsfrieden
  nach  wie  vor  bereit  ist  unter  Ablehnung  aller  Pläne,  die  auf
wirtschaftliche  Absperrung  und  Verfeindung  der  Völker  nach  dem  Kriege
abzielen.  Solange  unsere  Feinde  einen  solchen  Frieden  zurückweisen,  wird
das  deutsche  Volk  in  unüberwindlicher  Einigkeit  den  Krieg  mit  ungebrochener
Energie  fortsetzen.  Das  ist  zielgemäß  die  Tendenz  der  Erklärung,  die  Erzberger
  erstrebt.  Erzberger  hat  von  seinem  Vorgehen  vorher  einem  Parteifreunde
  und  auch  dem  Vorstand  der  Fraktion  Mitteilung  gemacht.  Die
Zentrumsfraktion  selbst  hat  am  6.  und  7.  sich  in  langen  ernsten  Beratungen
  mit  der  Frage  befaßt  und  hat  schließlich  mit  überwältigender
Mehrheit  —  nur  einige  Abgeordnete  haben  sich  nicht  angeschlossen  —  beschlossen,
  die  Aktion  Erzbergers  zu  unterstützen  und  für  eine  noch
zu  formulierende  Erklärung  des  Reichstags  zu  stimmen.

Ueber  die  Wirkung  dieser  Aktion  teilt  die  Zuschrift  mit:  Die  Entente
hat  das  Friedensangebot  vom  12.  Dez.  mit  Spott  und  Hohn  zurückgewiesen,
als  sei  es  ein  Machwerk  der  „preuß.  Militärkaste",  des  „kaiserl.  Absolutismus“
  usw.  Bei  der  geringen  Kenntnis  der  innerdeutschen  Zustände  im
Ausland  ist  es  nicht  zu  verwundern,  wenn  diese  Verdächtigungen  einen
größeren  Glauben  gefunden  haben,  als  uns  in  Deutschland  bewußt  ist.  Um
diesen  Machenschaften  endgültig  die  Spitze  abzubrechen,  soll  nunmehr  das
deutsche  Volk  durch  den  auf  Grund  des  freiesten  und  demokratischsten  Wahlrechts
  der  Welt  gewählten  Reichstag  eine  unzweideutige  Willenskundgebung
für  die  deutsche  Kriegszielpolitik  hinausgeben.  Um  diese  Idee  zur  vollen
Geltung  zu  bringen,  ist  es  notwendig,  daß  auch  die  Regierung  sich  zu  diesem
Standpunkt  bekennt.  Der  Reichskanzler  hat  in  der  Haushaltskommission
unter  Hinweis  auf  seine  früheren  Aeußerungen  bezüglich  der  Kriegsziele
die  Idee  an  sich  akzeptiert.  Damit  würde  es  jedoch  nicht  genug  sein.  Der
Ernst  dieser  Kundgebung  wird  nur  dann  seine  völlige  Würdigung  finden,
wenn  das  deutsche  Volk  durch  eine  parlamentarische  Vertretung  verantwortlich
  mit  an  der  Regierung  beteiligt  wird.  Es  soll  dann  den  nichtsnutzigen
  Versuchen  Englands  die  Spitze  abgebrochen  werden,  seinen  Enlentefreunden
  zu  suggerieren,  daß  die  deutsche  Regierung  schließlich  doch  mache,
was  sie  wolle,  und  ihrem  Reichstag  nicht  verantwortlich  sei.  Es  wird  deshalb
  die  Bildung  einer  Art  Koalitionsministerium  vorbereitet,  in  das
führende  Parlamentarier  aller  Parteien  eintreten  werden.  Damit  würde
die  Einigkeit  zwischen  Volk,  Regierung  und  Kaiser  nicht  bloß  nach  außen  hin
dokumentiert,  sondern  auch  praktisch  verwirklicht  und  aktionsfähig  gestaltet.

Die  von  Reichstagsabg.  Meerfeld  (Soz.)  redigierte  „Rhein.  Ztg.“
berichtet  über  die  Sitzung  des  Hauptausschusses  u.  a.:  Am  Anfang  der  großen
Wandlung  stand  eine  Rede  Erzbergers.  Es  ist  zu  wenig  gesagt,  wenn  man
von  ihr  behauptet,  daß  sie  sensationell  gewirkt  habe  Sie  war  mehr.  Sie
schlug  ein  wie  eine  Bombe.  Ihr  Inhalt  war  rund  und  nett  eine  glänzende
Rechtfertigung  der  soz.  Kriegspolitik,  von  ihren  ersten  Stadien  angefangen
bis  zum  verschärften  U.  Bootkrieg.  Nur  schwer  rang  sich  dieses  Bekenntnis
von  den  Lippen  des  Zentrumsredners,  aber  es  kam  heraus,  und  es  vereinigte
  sich  mit  schonungsloser  Kritik  alles  dessen,  was  bisher  kriegspolitisch
von  der  Regierung  geschehen  —  und  von  den  bürgerlichen  Parteien  ge-